BoxyBSD: ein kostenloses Tor in die Welt der BSD-Systeme

07.09.2026 7 Min. Lesezeit

Wer sich mit Linux beschäftigt, kennt vermutlich die üblichen Verdächtigen: Ubuntu, Debian, Fedora, Arch. Aber was, wenn man einmal über den Tellerrand schauen und die andere große freie Unix-Familie kennenlernen möchte – die BSD-Systeme? FreeBSD, OpenBSD, NetBSD und ihre Verwandten blicken auf eine lange Geschichte zurück, haben ihre ganz eigenen Philosophien und gehen bei der Systemadministration teilweise deutlich andere Wege als die Linux-Welt. Das Problem dabei: Wer nicht gerade einen alten Rechner in der Ecke stehen hat oder bereit ist, Geld für einen VPS auszugeben, bekommt nur selten die Gelegenheit, ein BSD-System einfach einmal selbst auszuprobieren. Genau hier setzt ein Projekt an, das mir in den vergangenen Wochen besonders positiv aufgefallen ist: BoxyBSD.

Was steckt hinter BoxyBSD?

BoxyBSD ist ein Non-Profit-Projekt, das kostenlose virtuelle Server – sogenannte VPS-Instanzen – auf Basis verschiedener BSD-Systeme zur Verfügung stellt. Ins Leben gerufen und betrieben wird das Ganze von gyptazy, einem DevOps-Engineer mit langjähriger Erfahrung in der BSD- und Open-Source-Welt. Die Idee dahinter wirkt angenehm persönlich: gyptazy erinnert sich noch gut daran, wie schwierig der eigene Einstieg war, weil zuverlässige Systeme zum Ausprobieren und Lernen schlicht nicht ohne Weiteres verfügbar waren. BoxyBSD möchte genau diese Hürde für andere aus dem Weg räumen. Kein Bezahlvorgang, keine Kreditkarte und vor allem keine Ausrede mehr, es nicht einfach einmal zu versuchen.

Das Angebot richtet sich ausdrücklich an Einsteiger, Lernende und alle, die sich in der BSD-Community engagieren möchten. Wer eine “Personal”-Box anfragt, bekommt einen virtuellen Server mit einem vCPU-Kern, 1 GB Arbeitsspeicher, 10 GB SSD-Speicher und IPv6-Anbindung – vollkommen kostenlos. Für Open-Source-Projekte gibt es sogar eine größere “Project”-Variante mit 4 vCPUs, 16 GB RAM und 100 GB Speicherplatz, sofern die Kapazitäten das gerade zulassen. Lediglich für eine IPv4-Adresse fallen zusätzliche Kosten an, denn diese Adressen sind inzwischen schlicht knapp und entsprechend teuer geworden.

Technisch mehr als nur eine Spielwiese

Obwohl sich BoxyBSD ausdrücklich an Einsteiger richtet, macht die Plattform technisch keineswegs den Eindruck eines improvisierten Bastelprojekts. Der Speicher läuft auf ZFS, jenem robusten Dateisystem, das in der BSD-Welt seit Jahren einen hervorragenden Ruf genießt und unter anderem Snapshots sowie Datensicherheit auf Blockebene ermöglicht. Auch beim Netzwerk geht BoxyBSD einen konsequenten Weg: IPv6 ist der Standard. Jede Box bekommt ein eigenes /64-Subnetz, und wer mehr benötigt, kann sich je nach Standort sogar ein komplettes /48-Subnetz zuweisen lassen.

Für alle, die weiterhin auf Dienste zugreifen müssen, die ausschließlich über IPv4 erreichbar sind – etwa GitHub –, stehen mehrere NAT64-Gateways bereit. Und wer etwas produktiver experimentieren möchte, kann zusätzlich einen verwalteten Loadbalancer nutzen, um den eigenen Dienst sauber über IPv4 und IPv6 gleichzeitig erreichbar zu machen.

Bemerkenswert ist auch die Auswahl an Betriebssystemen. Neben den drei großen BSD-Vertretern FreeBSD (in den aktuellen 14er- und 15er-Versionen), OpenBSD und NetBSD stehen unter anderem DragonFly BSD, GhostBSD und MidnightBSD sowie die Illumos-Ableger Illumos und SmartOS zur Auswahl. Wer beispielsweise schon länger mit TrueNAS SCALE liebäugelt, kann auch das direkt ausprobieren. Und wer es ganz genau wissen möchte, muss sich nicht auf vorgefertigte Images beschränken: Über eine VNC-Verbindung lassen sich die offiziellen Installations-ISOs der jeweiligen Systeme einspielen – im Grunde genauso, als würde man das System auf echter Hardware installieren.

Auch geografisch ist die Infrastruktur bemerkenswert breit aufgestellt. BoxyBSD betreibt Standorte unter anderem in Frankfurt und Limburg, in Roubaix, Mailand, Amsterdam, Toronto, Tokio, Singapur, Kiew und New York. Wer Wert auf niedrige Latenzen legt, findet damit mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Standort, der nicht allzu weit entfernt ist. Für alle, die sich speziell für Netzwerktechnik interessieren, hält BoxyBSD außerdem ein kleines Schmankerl bereit: Das Projekt peert aktiv im DN42-Netzwerk, einem bekannten Testnetz für angehende Netzwerktechniker, das über BGP-Routing viele Aspekte des echten Internets nachbildet.

Ein Lernprojekt, kein Produktivhoster

So verlockend das kostenlose Angebot auch klingt – entscheidend ist, mit der richtigen Erwartungshaltung an BoxyBSD heranzugehen. Das Projekt versteht sich ausdrücklich als Lern- und Experimentierplattform und nicht als Ersatz für einen bezahlten Produktivserver. Jede Box läuft zunächst 90 Tage und kann anschließend im Kontrollpanel um weitere 90 Tage verlängert werden. Wer das versäumt, verliert seine Box automatisch.

Backups gibt es keine, und BoxyBSD weist ausdrücklich darauf hin, dass eine Box jederzeit ohne Angabe von Gründen gelöscht werden kann. Wer also mit seiner Box experimentiert, sollte alles, was ihm wichtig ist, unbedingt auch an anderer Stelle sichern. Das passt letztlich sogar ganz gut zum Grundgedanken des Projekts: ausprobieren, lernen, Dinge kaputtmachen – und wenn nötig einfach wieder von vorne anfangen.

Auch bei der Nutzung selbst gibt BoxyBSD klare Leitplanken vor. Erlaubt ist im Kern alles, was dem Lernen und Forschen dient. Wer seine Box dagegen für illegale Aktivitäten, Portscans fremder Systeme, die Verbreitung von Schadsoftware oder etwa den Betrieb von Tor-Knoten oder Torrent-Trackern missbraucht, muss damit rechnen, dass der Zugang schnell wieder entzogen wird.

Registrierung ganz ohne Klarnamen

Besonders sympathisch finde ich den Ansatz beim Thema Privatsphäre. BoxyBSD verzichtet bewusst darauf, klassische persönliche Daten wie Namen oder Adressen zu erfassen. Stattdessen läuft die Kontoverifizierung über GitHub oder Codeberg: Man legt im eigenen Account ein öffentliches Repository namens boxybsd_verification an und hinterlegt darin eine Datei verification.txt mit einer von BoxyBSD vorgegebenen Zeichenfolge.

Sobald diese Datei öffentlich abrufbar ist, gilt die Eigentümerschaft des Accounts als bestätigt und die Registrierung kann abgeschlossen werden. Kein Ausweis, keine Telefonnummer, keine Kreditkarte – lediglich der Nachweis, dass man tatsächlich Zugriff auf den angegebenen Account hat. Für den späteren Zugriff auf die eigene Box kommt anschließend der eigene SSH-Public-Key von GitHub zum Einsatz, den man in der Regel ohnehin schon hinterlegt hat.

In Zeiten knapper Kapazitäten kann es außerdem vorkommen, dass BoxyBSD den sogenannten Invitation-Modus aktiviert. Dann lässt sich eine neue Box nur mit einem Einladungscode anfragen, den ein bestehender Nutzer weitergeben kann. Jeder Account bekommt genau einen solchen Code zum Teilen. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass die begrenzten, gesponserten Ressourcen von einem plötzlichen Ansturm überrannt werden.

Getragen von der Community

Finanziert wird BoxyBSD nicht über Nutzergebühren oder Werbung, sondern durch Sponsoren, die Rechenleistung, Netzwerkkapazität und Traffic bereitstellen – darunter etwa Nerdscave Hosting, MacArne und ST-Hosting/NUXOA. Spenden nimmt das Projekt bewusst nicht an. Wer helfen möchte, kann also eher mit Ressourcen als mit Geld zum weiteren Betrieb beitragen.

Und auch wer bei technischen Fragen oder einem BSD-Problem einmal nicht weiterkommt, muss sich nicht allein durch die Dokumentation kämpfen. BoxyBSD ist eng mit der BSD Café verbunden, einer Community rund um einen Matrix-Chat und eine eigene Mastodon-Instanz, die sich insbesondere BSD-Einsteigern gegenüber offen und hilfsbereit zeigt. Daneben gibt es einen Discord-Server, eine aktive Reddit-Präsenz sowie den Auftritt auf X. Wer also beim Ausprobieren der eigenen FreeBSD- oder OpenBSD-Box irgendwann festhängt, findet dort gute Chancen auf jemanden, der weiterhelfen kann.

Warum sich das Ausprobieren lohnt

Für alle, die BSD-Systeme bislang nur aus der Theorie kennen oder sich bisher nie die Zeit genommen haben, eine eigene Instanz aufzusetzen, ist BoxyBSD eine ausgesprochen unkomplizierte Gelegenheit, das nachzuholen. Innerhalb weniger Minuten – einen GitHub-Account vorausgesetzt – lässt sich eine eigene FreeBSD- oder OpenBSD-Box provisionieren, und das ganz ohne finanzielles Risiko oder langfristige Verpflichtung.

Wer schon immer einmal wissen wollte, wie sich pf unter OpenBSD anfühlt, wie ZFS-Snapshots unter FreeBSD in der Praxis funktionieren oder wie sich das Handling von Jails von Linux-Containern unterscheidet, bekommt mit BoxyBSD einen denkbar einfachen Einstieg. Und natürlich gilt auch hier: Am besten lässt sich so etwas nicht beschreiben, sondern selbst ausprobieren.

Account anlegen, Verifizierungsrepository erstellen, Box anfragen – und schon steht ein eigenes BSD-System bereit, mit dem sich drei Monate lang nach Herzenslust experimentieren lässt, bevor man es notfalls einfach wieder neu aufsetzt. Genau dieser spielerische und weitgehend folgenlose Zugang ist für mich das, was BoxyBSD so sympathisch macht. Man kann sich an BSD herantasten, Dinge ausprobieren, Fehler machen und dabei eine Menge lernen, ohne dafür erst einen alten Rechner ausgraben oder Geld für einen VPS ausgeben zu müssen.

Und genau deshalb ist BoxyBSD ein Projekt, das ich BSD-Neulingen, neugierigen Linux-Nutzern und eigentlich jedem, der schon einmal mit dem Gedanken gespielt hat, über den Unix-Tellerrand zu schauen, nur empfehlen kann.