BGP Path Selection - Wie BGP den besten Pfad auswählt

24.08.2026 5 Min. Lesezeit

Einleitung

Während Link-State-Protokolle den besten Pfad hauptsächlich anhand von Kostenwerten berechnen, verfolgt BGP einen anderen Ansatz.

BGP interessiert sich nicht primär für den technisch kürzesten Weg.

Stattdessen stellt sich BGP eine andere Frage:

Welcher Pfad entspricht meinen Routing-Richtlinien?

Diese Denkweise ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Interior Gateway Protocols und BGP.

Genau deshalb gehört die BGP Path Selection zu den absoluten Kerngebieten der JNCIS-ENT-Prüfung.

Viele Prüfungsfragen präsentieren mehrere mögliche Wege zu einem Ziel und fragen anschließend:

Welchen Pfad wird BGP auswählen?

Wer die Reihenfolge der BGP-Attribute nicht versteht, wird solche Fragen kaum zuverlässig beantworten können.

Warum BGP überhaupt mehrere Pfade kennt

Betrachten wir folgendes Netzwerk:

                AS65100
                   |
                   |
              Provider A
                   |
                   |
AS65000 ---------------------- AS65200
 Unternehmen                  Provider B

Das Unternehmen besitzt zwei Internetanbindungen.

Beide Provider kündigen dasselbe Netzwerk an:

203.0.113.0/24

Der Router kennt nun zwei mögliche Wege:

Pfad 1 → Provider A
Pfad 2 → Provider B

Die Frage lautet:

Welcher Weg soll verwendet werden?

Genau dafür existiert die BGP Path Selection.

BGP trifft keine zufälligen Entscheidungen

Ein häufiger Irrtum lautet:

BGP nimmt einfach den kürzesten AS Path.

Das stimmt nur teilweise.

Der AS Path ist wichtig, aber längst nicht das erste Entscheidungskriterium.

BGP betrachtet eine ganze Reihe von Attributen.

Die Auswahl erfolgt Schritt für Schritt.

Sobald ein Attribut einen Gewinner bestimmt, endet der Prozess.

Die BGP-Entscheidungskette

In der Praxis existieren zahlreiche Attribute.

Für die JNCIS-ENT solltest du vor allem diese kennen:

1. Next Hop erreichbar?
2. Local Preference
3. AS Path
4. Origin
5. MED
6. eBGP vor iBGP
7. Weitere Tie-Breaker

Nicht jede Junos-Version zeigt die Reihenfolge exakt identisch an, aber dieses Modell deckt den prüfungsrelevanten Bereich zuverlässig ab.

Schritt 1 – Ist der Next Hop erreichbar?

Bevor BGP überhaupt über einen Pfad nachdenkt, muss der Next Hop erreichbar sein.

Beispiel

Route:

203.0.113.0/24
Next Hop 192.0.2.1

Wenn kein Weg zu:

192.0.2.1

existiert, kann die Route nicht verwendet werden.

Prüfungsrelevanz

Viele Kandidaten konzentrieren sich auf BGP-Attribute und übersehen den Next-Hop.

Ein unerreichbarer Next Hop disqualifiziert die Route sofort.

Schritt 2 – Local Preference

Das wichtigste BGP-Attribut innerhalb eines Autonomous Systems.

Grundidee

Local Preference bestimmt:

Welchen Ausgang bevorzugt mein eigenes AS?

Je höher der Wert, desto besser.

Beispiel

Provider A:

Local Preference 200

Provider B:

Local Preference 100

Ergebnis:

Provider A gewinnt

obwohl andere Attribute möglicherweise identisch sind.

Warum ist Local Preference so wichtig?

Unternehmen nutzen dieses Attribut häufig, um bevorzugte Provider festzulegen.

Beispiel:

Primärer ISP → 200
Backup ISP → 100

Alle Router im AS bevorzugen automatisch den primären Provider.

JNCIS-ENT Merksatz

Höhere Local Preference gewinnt.

Dies ist eine der häufigsten BGP-Prüfungsfragen.

Schritt 3 – AS Path

Wenn die Local Preference identisch ist, betrachtet BGP den AS Path.

Beispiel

Pfad A:

65010 65100

Pfad B:

65020 65150 65200

Der erste Pfad enthält:

2 AS

Der zweite:

3 AS

Ergebnis:

Pfad A gewinnt

Warum bevorzugt BGP kürzere AS Paths?

Ein kürzerer AS Path bedeutet normalerweise:

  • weniger Zwischenstationen
  • geringere Komplexität
  • einfachere Erreichbarkeit

Schleifenvermeidung

Zusätzlich dient der AS Path der Loop Prevention.

Wenn die eigene AS-Nummer bereits im Pfad auftaucht:

65000 65100 65000

wird die Route verworfen.

AS Path Prepending

Ein äußerst beliebtes Prüfungsthema.

Unternehmen können künstlich zusätzliche AS-Einträge hinzufügen.

Beispiel:

Normal:

65000

Prepending:

65000 65000 65000

Dadurch erscheint der Pfad länger und wird weniger attraktiv.

Praxisbeispiel

Ein Unternehmen besitzt zwei Provider.

Der zweite Provider soll nur als Backup dienen.

Durch AS Path Prepending wird dieser Weg bewusst unattraktiver gemacht.

Schritt 4 – Origin

Nun betrachtet BGP das Origin-Attribut.

Dieses beschreibt, woher die Route ursprünglich stammt.

Typische Werte

IGP
EGP
Incomplete

Präferenz

BGP bevorzugt:

IGP
vor
EGP
vor
Incomplete

Prüfungsrelevanz

In der JNCIS-ENT wird dieses Attribut gelegentlich abgefragt, jedoch deutlich seltener als Local Preference oder AS Path.

Schritt 5 – MED

MED steht für:

Multi Exit Discriminator

Die Idee

Ein AS kann einem Nachbar-AS mitteilen:

Bitte verwende bevorzugt diesen Eingangspunkt.

Beispiel

Provider besitzt zwei Übergänge:

Link A → MED 50

Link B → MED 100

Der niedrigere Wert wird bevorzugt.

Merksatz

Im Gegensatz zur Local Preference gilt:

Niedrigerer MED gewinnt.

Häufige Prüfungsfalle

Viele Kandidaten verwechseln:

Local Preference

mit:

MED

Merke:

AttributGewinner
Local PreferenceHöher
MEDNiedriger

eBGP vor iBGP

Ein weiteres wichtiges Kriterium.

Beispiel

Gleiche Route:

Pfad A → eBGP

Pfad B → iBGP

BGP bevorzugt:

eBGP

Warum?

Ein direkt gelernter externer Pfad gilt häufig als zuverlässiger als ein intern weitergeleiteter Pfad.

Die vollständige Sicht

Stellen wir uns folgende Situation vor:

Route:
203.0.113.0/24

Pfad A:

Local Pref 200
AS Path 3
MED 100

Pfad B:

Local Pref 100
AS Path 1
MED 10

Viele Administratoren würden spontan sagen:

Pfad B ist besser.

Der AS Path ist kürzer.

Der MED ist niedriger.

Trotzdem gewinnt:

Pfad A

Warum?

Weil Local Preference zuerst betrachtet wird.

Sobald dort ein Gewinner existiert, spielen die späteren Attribute keine Rolle mehr.

BGP und Routing-Policies

Nun wird deutlich, warum BGP so mächtig ist.

OSPF fragt:

Welcher Pfad hat die geringsten Kosten?

BGP fragt:

Welcher Pfad entspricht meinen Geschäftsanforderungen?

Deshalb kann ein Unternehmen festlegen:

  • welcher Provider bevorzugt wird
  • welcher Standort primär genutzt wird
  • welcher Pfad nur als Backup dient

Junos-Kommandos

BGP-Routen anzeigen:

show route protocol bgp

BGP-Zusammenfassung:

show bgp summary

Detaillierte Route:

show route 203.0.113.0/24 detail

BGP-Nachbarn:

show bgp neighbor

Empfangene Routen:

show route receive-protocol bgp

Typische JNCIS-ENT Prüfungsfragen

Frage 1

Welches Attribut besitzt höhere Priorität?

Local Preference
oder
AS Path

Antwort:

Local Preference

Frage 2

Welcher MED-Wert gewinnt?

MED 50
oder
MED 100

Antwort:

MED 50

Frage 3

Welcher AS Path wird bevorzugt?

65001 65002

oder

65001 65002 65003

Antwort:

Der kürzere AS Path.

Frage 4

Was bewirkt AS Path Prepending?

Antwort:

Der Pfad erscheint länger und wird weniger attraktiv.

Frage 5

Was wird bevorzugt?

eBGP
oder
iBGP

Antwort:

eBGP

Praxisbezug

In realen Enterprise-Netzwerken werden die meisten BGP-Entscheidungen nicht durch technische Metriken bestimmt.

Häufig spielen wirtschaftliche Faktoren eine Rolle:

  • Kosten eines Providers
  • verfügbare Bandbreite
  • Vertragsbedingungen
  • geografische Redundanz

Genau deshalb wurde BGP als Policy-basiertes Routing-Protokoll entwickelt.

Es erlaubt Unternehmen, Routing-Entscheidungen anhand ihrer Geschäftsanforderungen zu treffen.

Fazit

Die BGP Path Selection ist das Herzstück von BGP.

Während OSPF und IS-IS primär den technisch kürzesten Weg suchen, bewertet BGP verschiedene Attribute und trifft Entscheidungen anhand definierter Richtlinien.

Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:

  • die Bedeutung der Local Preference,
  • die Rolle des AS Paths,
  • den Unterschied zwischen Local Preference und MED,
  • die Funktion von AS Path Prepending,
  • sowie die Bevorzugung von eBGP gegenüber iBGP.

Wer diese Konzepte beherrscht, kann den Großteil aller grundlegenden BGP-Pfadentscheidungen korrekt analysieren.