BGP Route Advertisement, Next-Hop und Route Reflectors
26.08.2026 5 Min. Lesezeit
Einleitung
Im letzten Artikel haben wir gelernt, wie BGP aus mehreren möglichen Wegen den bevorzugten Pfad auswählt.
Dabei standen Attribute wie:
- Local Preference
- AS Path
- MED
- Origin
im Mittelpunkt.
Doch bevor BGP überhaupt eine Entscheidung treffen kann, müssen die Routen zunächst verteilt werden.
Genau hier beginnt einer der interessantesten Unterschiede zwischen eBGP und iBGP.
Viele Administratoren verstehen die grundlegende BGP-Pfadselektion recht schnell. Schwierigkeiten entstehen meist erst dann, wenn mehrere BGP-Router innerhalb eines Unternehmens zusammenarbeiten sollen.
Warum sieht ein Router bestimmte Routen nicht?
Warum entstehen plötzlich unerwartete Routing-Lücken?
Und warum benötigt BGP zusätzliche Mechanismen wie Route Reflectors?
Diese Fragen gehören zu den klassischen JNCIS-ENT-Themen.
Ein einfaches BGP-Szenario
Betrachten wir zunächst ein Unternehmen mit zwei Edge-Routern:
Internet
|
Provider
|
----------------
| |
R1 R2
\ /
\ /
Unternehmensnetz
Beide Router lernen externe Routen vom Provider.
Beispielsweise:
203.0.113.0/24
Diese Route muss nun innerhalb des Unternehmens bekannt gemacht werden.
Dafür verwendet BGP:
iBGP
Der Unterschied zwischen eBGP und iBGP
Wir erinnern uns:
eBGP
Kommunikation zwischen unterschiedlichen Autonomous Systems.
AS65000
|
eBGP
|
AS65100
iBGP
Kommunikation innerhalb desselben Autonomous Systems.
AS65000
R1 ---- R2
Warum existiert iBGP überhaupt?
Ein Edge-Router kennt möglicherweise tausende externe Routen.
Diese Informationen müssen intern verteilt werden.
Andernfalls würden andere Router im Unternehmen die Ziele nicht erreichen.
Das berühmte iBGP-Problem
Nun kommen wir zu einer der wichtigsten BGP-Regeln.
Betrachten wir folgendes Netzwerk:
Internet
|
R1
|
R2
|
R3
Alle Router befinden sich im selben AS.
R1 lernt eine Route vom Internet.
Anschließend verteilt R1 diese Route an R2.
Die entscheidende Frage lautet:
Gibt R2 die Route automatisch an R3 weiter?
Viele Einsteiger antworten:
Natürlich.
Doch genau das passiert nicht.
Die wichtigste iBGP-Regel
Eine Route, die über iBGP gelernt wurde, wird nicht an andere iBGP-Nachbarn weitergegeben.
Beispiel
R1 → iBGP → R2
R2 lernt die Route.
Danach:
R2 → iBGP → R3
Die Route wird nicht weitergegeben.
Warum existiert diese Regel?
Der Hintergrund ist die Schleifenvermeidung.
BGP besitzt innerhalb eines AS keinen AS Path, der für die Erkennung interner Schleifen genutzt werden könnte.
Deshalb verhindert BGP die Weitergabe standardmäßig.
Die Konsequenz
Wenn jede iBGP-Verbindung manuell aufgebaut werden müsste, entstünde ein Problem.
Nehmen wir fünf Router:
R1
R2
R3
R4
R5
Damit alle Router alle Informationen erhalten, benötigt man:
Full Mesh
Das Full-Mesh-Konzept
Jeder Router muss mit jedem anderen Router eine iBGP-Session aufbauen.
Bei fünf Routern:
R1 ↔ R2
R1 ↔ R3
R1 ↔ R4
R1 ↔ R5
R2 ↔ R3
R2 ↔ R4
R2 ↔ R5
R3 ↔ R4
R3 ↔ R5
R4 ↔ R5
Skalierungsproblem
Bei:
10 Routern
entstehen:
45 Sessions
Bei:
100 Routern
bereits:
4950 Sessions
Spätestens jetzt wird klar:
Das skaliert nicht.
Die Lösung: Route Reflectors
Um das Full-Mesh-Problem zu lösen, wurde das Route-Reflector-Konzept entwickelt.
Grundidee
Ein spezieller Router übernimmt die Weitergabe von iBGP-Routen.
Beispiel:
RR
/ | \
/ | \
R1 R2 R3
RR steht für:
Route Reflector
Was macht ein Route Reflector?
Der Route Reflector durchbricht die normale iBGP-Regel.
Normalerweise gilt:
iBGP gelernt
↓
nicht weitergeben
Beim Route Reflector gilt:
iBGP gelernt
↓
reflektieren
↓
andere Clients
Vorteil
Die Anzahl der Sessions sinkt drastisch.
Statt Full Mesh:
R1 ↔ RR
R2 ↔ RR
R3 ↔ RR
Prüfungsrelevanz
Wenn gefragt wird:
Warum werden Route Reflectors eingesetzt?
Antwort:
Reduzierung der iBGP-Full-Mesh-Anforderungen
Route Reflector Clients
Die Router, die mit dem Route Reflector verbunden sind, heißen:
Clients
Beispiel
RR
├─ Client R1
├─ Client R2
└─ Client R3
Der RR verteilt die BGP-Routen zwischen den Clients.
Next-Hop-Verhalten in BGP
Ein weiteres äußerst beliebtes JNCIS-ENT-Thema.
Betrachten wir:
Internet
|
R1
|
iBGP
|
R2
R1 lernt:
203.0.113.0/24
Die Überraschung
Wenn R1 die Route an R2 weitergibt, bleibt der ursprüngliche Next Hop oft erhalten.
Beispiel:
Route:
203.0.113.0/24
Next Hop:
198.51.100.1
Problem
R2 kennt möglicherweise keinen Weg zu:
198.51.100.1
Die Route erscheint zwar in der BGP-Tabelle, kann aber nicht genutzt werden.
Next-Hop Reachability
Dies führt zu einer der wichtigsten BGP-Regeln:
Der Next Hop muss erreichbar sein.
Andernfalls wird die Route nicht installiert.
Typische Symptome
Route vorhanden:
show route receive-protocol bgp
Aber nicht aktiv:
show route
Häufige Ursache:
Next Hop unreachable
Next-Hop Self
Um dieses Problem zu lösen, wird häufig verwendet:
next-hop self
Was passiert dabei?
Der sendende Router ersetzt den ursprünglichen Next Hop durch seine eigene Adresse.
Beispiel:
Vorher:
Next Hop:
198.51.100.1
Nachher:
Next Hop:
10.0.0.1
Dadurch können interne Router die Route problemlos nutzen.
Route Advertisement in eBGP
Nun betrachten wir die externe Weitergabe.
Standardverhalten
eBGP-Routen dürfen weitergegeben werden.
Beispiel:
AS65000
|
eBGP
|
AS65100
Empfangene Routen werden an andere eBGP-Nachbarn weiterverteilt.
Warum funktioniert das?
Der AS Path wächst bei jedem Übergang.
Dadurch erkennt BGP mögliche Schleifen.
Route Advertisement und Schleifenvermeidung
Beispiel:
65000 65100 65200
Wenn ein Router seine eigene AS-Nummer entdeckt:
65000
wird die Route verworfen.
Prüfungsrelevanz
AS Path ist das wichtigste Werkzeug zur Schleifenvermeidung zwischen Autonomous Systems.
Wichtige Junos-Kommandos
BGP-Status:
show bgp summary
Nachbarn:
show bgp neighbor
Empfangene Routen:
show route receive-protocol bgp
Beworbene Routen:
show route advertising-protocol bgp
Detailinformationen:
show route protocol bgp extensive
Typische JNCIS-ENT Prüfungsfallen
Falle 1
Annehmen, dass iBGP-Routen automatisch weitergegeben werden.
Tun sie nicht.
Falle 2
Route Reflector und Router-ID verwechseln.
Falle 3
Next Hop ignorieren.
Viele BGP-Probleme entstehen durch unerreichbare Next Hops.
Falle 4
Glauben, dass Route Reflectors Routing-Schleifen erzeugen.
Sie verwenden zusätzliche Attribute wie Cluster-ID und Originator-ID zur Schleifenvermeidung.
Für die JNCIS-ENT reicht meist das Grundverständnis.
Falle 5
Full Mesh als optionale Empfehlung betrachten.
Ohne Route Reflectors oder Confederations ist Full Mesh die Standardanforderung für iBGP.
Praxisbezug
Fast jedes größere Enterprise-Netzwerk mit BGP verwendet Route Reflectors.
Ein vollständiges iBGP-Full-Mesh wäre in modernen Umgebungen kaum wartbar.
Auch das Next-Hop-Verhalten gehört zu den häufigsten Ursachen für BGP-Troubleshooting-Fälle.
In vielen realen Störungen existiert die Route tatsächlich bereits in BGP – sie kann lediglich nicht genutzt werden, weil der Next Hop unerreichbar ist.
Genau deshalb wird dieses Thema in der JNCIS-ENT regelmäßig abgefragt.
Fazit
Die Verteilung von BGP-Routen innerhalb eines Autonomous Systems unterscheidet sich grundlegend von klassischen IGPs.
Die wichtigste Regel lautet:
iBGP-gelernte Routen werden nicht automatisch an andere iBGP-Nachbarn weitergegeben.
Dadurch entsteht die Full-Mesh-Anforderung, die in größeren Netzwerken durch Route Reflectors gelöst wird.
Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:
- den Unterschied zwischen eBGP- und iBGP-Advertisements,
- die Full-Mesh-Anforderung,
- die Rolle von Route Reflectors,
- das Konzept der Route Reflector Clients,
- sowie die Bedeutung der Next-Hop-Reachability.
Diese Themen bilden die Grundlage für viele BGP-Design- und Troubleshooting-Fragen.