Class of Service (CoS) und Quality of Service (QoS) in Junos

30.06.2026 6 Min. Lesezeit

Wie Netzwerke entscheiden, welcher Traffic Vorrang erhält

Einleitung

Stellen wir uns folgendes Szenario vor:

Ein Benutzer startet einen großen Datei-Download.

Gleichzeitig findet eine wichtige VoIP-Telefonkonferenz statt.

Zusätzlich läuft eine Videokonferenz mit mehreren Teilnehmern.

Alle drei Anwendungen teilen sich dieselbe WAN-Verbindung.

Nun stellt sich eine entscheidende Frage:

Was passiert, wenn die verfügbare Bandbreite nicht mehr ausreicht?

Ohne zusätzliche Mechanismen behandelt das Netzwerk alle Pakete grundsätzlich gleich.

Der Router unterscheidet nicht zwischen:

  • einem VoIP-Paket,
  • einem Videostream,
  • einer Datenbanksynchronisation,
  • oder einem Backup-Transfer.

Aus Sicht des Routers sind zunächst alles nur IP-Pakete.

In der Praxis wäre das problematisch.

Ein Backup kann problemlos einige Sekunden länger dauern.

Eine Sprachverbindung hingegen reagiert extrem empfindlich auf:

  • Verzögerung (Delay)
  • Schwankungen (Jitter)
  • Paketverluste (Loss)

Genau deshalb existieren Quality of Service (QoS)-Mechanismen.

In Junos wird dieses Themengebiet meist unter dem Begriff:

Class of Service (CoS)

zusammengefasst.

CoS gehört zu den klassischen JNCIS-ENT-Prüfungsthemen, weil moderne Enterprise-Netzwerke ohne Traffic-Priorisierung kaum noch betrieben werden können.

Das Grundproblem: Begrenzte Ressourcen

Jede Verbindung besitzt eine maximale Kapazität.

Beispiel:

WAN-Link
100 Mbit/s

Solange der tatsächliche Traffic darunter bleibt:

80 Mbit/s

existiert kein Problem.

Interessant wird es erst bei:

120 Mbit/s

Nun möchten mehr Pakete übertragen werden als physikalisch möglich.

Der Router muss Entscheidungen treffen.

Was passiert ohne QoS?

Ohne Priorisierung landen alle Pakete in derselben Warteschlange.

Pakete
Queue
Interface

Bei Überlastung wächst die Warteschlange.

Irgendwann wird sie voll.

Dann beginnt der Router Pakete zu verwerfen.

Das Problem:

Die Verwerfungen erfolgen ohne Rücksicht auf die Anwendung.

Mögliche Folgen:

  • Sprachabbrüche
  • schlechte Videoqualität
  • hohe Latenzen
  • unvorhersehbares Verhalten

Die Grundidee von QoS

QoS bedeutet:

Nicht jeder Traffic ist gleich wichtig.

Ein Unternehmen bewertet beispielsweise:

AnwendungPriorität
VoIPHoch
VideoHoch
GeschäftsanwendungenMittel
Web TrafficMittel
BackupsNiedrig
Software UpdatesNiedrig

Diese Prioritäten sollen vom Netzwerk berücksichtigt werden.

Was bedeutet CoS in Junos?

Juniper verwendet den Begriff:

Class of Service

Die Idee:

Traffic wird zunächst klassifiziert.

Danach erfolgt die Behandlung entsprechend seiner Klasse.

Vereinfacht:

Paket
Klassifizierung
Queue
Scheduling
Versand

Die vier Kernbausteine von CoS

Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere vier Begriffe kennen:

  1. Classification
  2. Marking
  3. Queuing
  4. Scheduling

Diese vier Schritte bilden nahezu jede QoS-Implementierung.

Schritt 1: Classification

Zunächst muss der Router erkennen:

Um welchen Traffic handelt es sich?

Mögliche Kriterien:

  • Quelladresse
  • Zieladresse
  • TCP-Port
  • UDP-Port
  • DSCP-Wert
  • Interface

Beispiel:

UDP Port 5060

Dies könnte SIP-Traffic sein.

Oder:

DSCP EF

Typischerweise VoIP.

Warum Classification so wichtig ist

Wenn der Router den Traffic nicht korrekt erkennt:

VoIP

kann versehentlich als:

Best Effort

behandelt werden.

Damit wären sämtliche späteren QoS-Maßnahmen wirkungslos.

Schritt 2: Marking

Nach der Klassifizierung erfolgt häufig:

Marking

Der Router versieht Pakete mit einer Kennzeichnung.

Die bekannteste Methode:

DSCP

DiffServ Code Point.

DSCP verstehen

DSCP befindet sich im IP-Header.

Dadurch können Geräte entlang des gesamten Pfades erkennen:

Dieses Paket besitzt eine bestimmte Priorität.

Typische Werte:

DSCPBedeutung
EFVoice
AF41Video
AF31Geschäftsanwendungen
BEBest Effort

Für die JNCIS-ENT genügt meist das Verständnis der Grundidee.

Best Effort

Die Standardklasse.

Bedeutung:

Keine besondere Behandlung

Der Großteil normalen Datenverkehrs befindet sich in dieser Klasse.

Expedited Forwarding (EF)

Eine der wichtigsten QoS-Klassen.

Typischer Einsatz:

VoIP

Anforderungen:

  • geringe Verzögerung
  • geringer Jitter
  • minimale Verluste

EF-Traffic erhält deshalb häufig die höchste Priorität.

Schritt 3: Queuing

Nun gelangen die Pakete in Warteschlangen.

Anstatt:

eine Queue

existieren mehrere Queues.

Beispiel:

Queue 1
Voice

Queue 2
Video

Queue 3
Business

Queue 4
Best Effort

Dadurch kann der Router unterschiedliche Verkehrsarten getrennt behandeln.

Warum Queues wichtig sind

Betrachten wir:

1000 Backup-Pakete

und

1 Sprachpaket

Ohne Queues müsste das Sprachpaket warten.

Mit separaten Queues kann es bevorzugt verarbeitet werden.

Schritt 4: Scheduling

Nun entscheidet der Router:

Welche Queue wird als Nächstes bedient?

Dieser Prozess heißt:

Scheduling

Priority Queuing

Ein häufig verwendetes Verfahren.

Beispiel:

Voice
=
höchste Priorität

Solange Sprachpakete vorhanden sind:

Voice Queue zuerst

Dadurch entstehen minimale Verzögerungen.

Weighted Scheduling

Nicht jede Queue erhält dieselbe Bandbreite.

Beispiel:

QueueAnteil
Voice30 %
Video30 %
Business25 %
Best Effort15 %

Der Scheduler verteilt Ressourcen entsprechend diesen Vorgaben.

Congestion

QoS wird erst relevant, wenn Überlast entsteht.

Solange genügend Bandbreite verfügbar ist:

Keine Warteschlangen

QoS hat kaum sichtbare Auswirkungen.

Erst bei:

Congestion

entscheidet sich, welche Anwendungen bevorzugt werden.

Buffering

Bevor Pakete verworfen werden, landen sie häufig in Puffern.

Beispiel:

Queue
Buffer
Interface

Dadurch können kurzfristige Lastspitzen abgefangen werden.

Packet Loss

Wenn Puffer voll werden:

Pakete werden verworfen

QoS beeinflusst:

  • welche Pakete verworfen werden,
  • und welche geschützt werden.

Traffic Policing

Nicht jede QoS-Maßnahme dient der Bevorzugung.

Manchmal soll Traffic begrenzt werden.

Beispiel:

Gastnetz
maximal 20 Mbit/s

Dies nennt man:

Policing

Der Verkehr darf eine definierte Rate nicht überschreiten.

Traffic Shaping

Ein ähnlicher Begriff.

Shaping bedeutet:

Verkehr verzögern
statt verwerfen

Dadurch entstehen gleichmäßigere Datenströme.

Prüfungsrelevanter Unterschied

Policing:

überschüssige Pakete
werden verworfen

Shaping:

überschüssige Pakete
werden gepuffert

Dies ist eine klassische JNCIS-Frage.

Firewall Filter und QoS

Wir erinnern uns an den vorherigen Artikel.

Firewall Filter können Traffic erkennen:

VoIP

Anschließend:

Forwarding Class setzen

Dadurch arbeiten Firewall Filter und CoS häufig zusammen.

Praxisbeispiel

Ein Unternehmen nutzt:

  • Microsoft Teams
  • ERP-System
  • Backups

Policy:

Voice
→ höchste Priorität

ERP
→ mittlere Priorität

Backups
→ niedrige Priorität

Bei Überlastung bleibt die Sprachqualität stabil.

Backups benötigen lediglich etwas länger.

CoS in der Junos-Architektur

Die Verarbeitung erfolgt überwiegend in der:

Packet Forwarding Engine

Dadurch kann QoS auch bei hohen Datenraten effizient umgesetzt werden.

Wichtige Junos-Kommandos

CoS-Konfiguration:

show configuration class-of-service

Interfaces:

show interfaces queue

Queue-Statistiken:

show interfaces extensive

Traffic-Klassen prüfen:

show class-of-service interface

Typische JNCIS-ENT Prüfungsfallen

Falle 1

Annehmen, dass QoS zusätzliche Bandbreite erzeugt.

QoS verteilt lediglich vorhandene Ressourcen.

Falle 2

Classification und Marking verwechseln.

Classification:

Traffic erkennen

Marking:

Traffic kennzeichnen

Falle 3

Policing und Shaping verwechseln.

Falle 4

Glauben, dass QoS nur für VoIP existiert.

Falle 5

Annehmen, dass QoS bei nicht ausgelasteten Links sichtbar wirkt.

Praxisbezug

In nahezu jedem modernen Enterprise-Netzwerk werden QoS-Mechanismen eingesetzt.

Besonders wichtig sind sie bei:

  • VoIP
  • Videokonferenzen
  • WAN-Verbindungen
  • SD-WAN
  • MPLS-Netzen
  • Data-Center-Fabrics

Mit dem starken Wachstum von Echtzeitanwendungen hat die Bedeutung von QoS in den letzten Jahren sogar weiter zugenommen.

Fazit

Class of Service und Quality of Service ermöglichen es Netzwerken, wichtige Anwendungen bevorzugt zu behandeln.

Anstatt sämtlichen Traffic gleich zu behandeln, werden Pakete:

  1. klassifiziert,
  2. markiert,
  3. in Queues eingeordnet,
  4. und nach definierten Regeln verarbeitet.

Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:

  • den Unterschied zwischen CoS und QoS,
  • Classification und Marking,
  • DSCP-Grundlagen,
  • Queuing und Scheduling,
  • sowie den Unterschied zwischen Policing und Shaping.

Diese Konzepte bilden die Grundlage moderner Verkehrssteuerung in Enterprise-Netzwerken.

JNCIS-ENT Prüfungsfokus

Merke dir folgende Kette:

Classification
Marking
Queuing
Scheduling

Viele Prüfungsfragen lassen sich direkt auf einen dieser vier Schritte zurückführen.