EVPN und VXLAN - Moderne Netzwerkvirtualisierung für die JNCIS-ENT

04.09.2026 5 Min. Lesezeit

Einleitung

Über viele Jahre waren VLANs die Standardlösung zur Segmentierung von Netzwerken.

Ein typisches Enterprise-Netz bestand aus:

  • VLAN 10 für Clients
  • VLAN 20 für Server
  • VLAN 30 für VoIP
  • VLAN 40 für Management

Dieses Modell funktionierte lange Zeit hervorragend.

Mit zunehmender Virtualisierung, Cloud-Anbindungen und modernen Rechenzentren stießen klassische Layer-2-Netze jedoch an ihre Grenzen.

Unternehmen wollten plötzlich:

  • virtuelle Maschinen zwischen Standorten verschieben,
  • Mandanten logisch voneinander trennen,
  • tausende isolierte Netzwerke betreiben,
  • Workloads dynamisch verschieben,
  • hybride Cloud-Architekturen aufbauen.

Die traditionellen VLAN-Mechanismen wurden dafür zu unflexibel.

Genau an dieser Stelle entstanden Technologien wie:

  • VXLAN
  • EVPN

Diese Technologien bilden heute die Grundlage moderner Data-Center- und Campus-Fabrics.

Auch wenn die JNCIS-ENT keine tiefgehende EVPN-Implementierung verlangt, erwartet die Prüfung ein solides Verständnis der Architektur und der zugrunde liegenden Konzepte.

Warum klassische VLANs an Grenzen stoßen

Zunächst betrachten wir das traditionelle Modell.

Ein VLAN verwendet eine VLAN-ID.

Der IEEE-802.1Q-Standard stellt dafür bereit:

12 Bit

Dadurch ergeben sich maximal:

4094 VLANs

Für viele klassische Unternehmensnetzwerke reicht das aus.

In modernen Multi-Tenant-Umgebungen kann dies jedoch schnell zu wenig sein.

Stellen wir uns vor:

  • Hunderte Kunden
  • Tausende virtuelle Maschinen
  • Mehrere Rechenzentren

Dann wird die VLAN-Skalierung zum Problem.

Layer-2 über Layer-3

Ein weiteres Problem betrifft die physische Struktur.

Traditionelle VLANs funktionieren typischerweise innerhalb eines Layer-2-Domänenbereichs.

Früher sah ein Netzwerk oft so aus:

Switch
 |
Switch
 |
Switch

Layer-2 erstreckte sich über mehrere Geräte.

Dies führte häufig zu:

  • STP-Komplexität
  • Broadcast-Domänen
  • Konvergenzproblemen
  • Skalierungsgrenzen

Moderne Netzwerke bevorzugen stattdessen:

Layer 3 Everywhere

Doch nun entsteht ein neues Problem:

Wie transportiert man Layer-2-Netze über ein Layer-3-Backbone?

Die Antwort lautet:

VXLAN

Was ist VXLAN?

VXLAN steht für:

Virtual Extensible LAN

Die Technologie ermöglicht:

Layer-2-Segmente über ein Layer-3-Netzwerk zu transportieren.

Anders formuliert:

Ein Ethernet-Frame wird in ein IP-Paket eingekapselt.

Vereinfacht:

Ethernet Frame
VXLAN Header
UDP
IP

Der ursprüngliche Layer-2-Traffic kann dadurch über geroutete Netzwerke transportiert werden.

Das Overlay-Konzept

VXLAN arbeitet als Overlay.

Man unterscheidet:

Underlay

und

Overlay

Underlay

Das physische Netzwerk.

Typischerweise:

  • IP-Routing
  • OSPF
  • IS-IS
  • BGP

Aufgabe:

IP-Konnektivität bereitstellen

Overlay

Die virtuelle Ebene.

Hier existieren:

  • virtuelle Layer-2-Netze
  • Mandanten
  • VXLAN-Segmente

Prüfungsrelevante Merkhilfe:

Das Underlay transportiert Pakete.

Das Overlay transportiert Dienste.

VXLAN Network Identifier (VNI)

Die VLAN-ID reicht nur bis 4094.

VXLAN verwendet stattdessen:

24 Bit

Dadurch entstehen:

2^{24}

mögliche Segmente.

Das entspricht:

16.777.216

virtuellen Netzwerken.

Vergleich:

TechnologieAnzahl
VLAN4094
VXLAN16 Millionen+

Dies ist einer der Hauptgründe für die Verbreitung von VXLAN.

VXLAN Tunnel Endpoints (VTEP)

Ein zentrales Konzept.

Ein Gerät, das VXLAN verarbeitet, wird genannt:

VTEP

Virtual Tunnel Endpoint.

Aufgabe:

  • VXLAN kapseln
  • VXLAN entkapseln
  • Frames weiterleiten

Beispiel:

Host A
  |
VTEP
  |
IP Network
  |
VTEP
  |
Host B

Die Hosts sehen lediglich ein gemeinsames Layer-2-Netz.

Dazwischen befindet sich jedoch ein vollständig geroutetes IP-Netzwerk.

Das ursprüngliche Problem von VXLAN

Die erste Generation von VXLAN hatte eine Schwäche.

Frage:

Wo befindet sich die Ziel-MAC-Adresse?

Irgendwie muss das Netzwerk wissen:

MAC → VTEP

Zu Beginn wurde dies häufig mit Flooding gelöst.

Ähnlich wie klassisches Ethernet:

Unknown MAC
Flood

Dies skaliert jedoch schlecht.

Die Lösung: EVPN

Hier kommt EVPN ins Spiel.

EVPN steht für:

Ethernet VPN

EVPN löst das Kontrollplanproblem von VXLAN.

Merksatz für die Prüfung:

VXLAN transportiert den Traffic.

EVPN verteilt die Informationen.

EVPN als Control Plane

Anstatt MAC-Adressen zu fluten:

Flooding

werden sie über BGP verteilt.

Beispiel:

MAC-Adresse
EVPN
BGP
Remote VTEP

Dadurch kennt jedes Gerät bereits den Zielstandort.

Warum BGP?

BGP besitzt mehrere Vorteile:

  • Skalierbarkeit
  • Stabilität
  • Policy-Unterstützung
  • Große Verbreitung

Deshalb wurde BGP als EVPN-Control-Plane gewählt.

EVPN Route Types

Ein fortgeschritteneres Thema.

Für die JNCIS genügt meist das Grundverständnis.

Wichtig ist:

EVPN transportiert Informationen über:

  • MAC-Adressen
  • IP-Adressen
  • VTEPs
  • Segmente

Dadurch entsteht ein verteiltes Layer-2-System ohne klassisches Flooding.

Spine-Leaf Architekturen

EVPN/VXLAN wird häufig zusammen mit Spine-Leaf-Netzen eingesetzt.

Traditionell:

Core
 |
Distribution
 |
Access

Modern:

Leaf
Spine
Leaf

Vorteile:

  • Skalierbarkeit
  • Vorhersagbare Latenz
  • ECMP-Unterstützung
  • Hohe Redundanz

Dies ist heute Standard in vielen Rechenzentren.

Anycast Gateway

Ein weiteres wichtiges EVPN-Konzept.

Traditionell:

Gateway
auf einem Switch

Bei EVPN:

gleiches Gateway
auf mehreren Leafs

Dadurch bleiben Hosts lokal.

Der Verkehr muss nicht unnötig durch das Netzwerk laufen.

Multi-Tenancy

Ein zentraler Vorteil.

Mehrere Kunden oder Abteilungen können dieselbe Infrastruktur nutzen.

Beispiel:

Tenant A

und

Tenant B

bleiben vollständig getrennt.

Trotz gemeinsamer Hardware.

EVPN im Enterprise Campus

EVPN ist längst kein reines Rechenzentrumsthema mehr.

Moderne Campus-Netze nutzen EVPN zunehmend für:

  • Segmentierung
  • Fabric-Netze
  • Automatisierung
  • Wireless Integration

Deshalb taucht das Thema inzwischen auch in Enterprise-Zertifizierungen auf.

Juniper und EVPN

Juniper verwendet EVPN/VXLAN intensiv in:

  • Data-Center-Fabrics
  • Apstra-Umgebungen
  • Campus-Fabrics
  • Cloud-Architekturen

Die Technologie ist ein wesentlicher Bestandteil moderner Juniper-Designs.

Wichtige JNCIS-ENT Merksätze

VXLAN

Layer 2 über Layer 3

VNI

VXLAN Segment Identifier

VTEP

VXLAN Tunnel Endpoint

EVPN

Control Plane für VXLAN

BGP

Transportiert EVPN-Informationen

Underlay

Physisches IP-Netz

Overlay

Virtuelles Netzwerk

Typische JNCIS-ENT Prüfungsfallen

Falle 1

EVPN und VXLAN als identische Technologien betrachten.

VXLAN:

Datenebene

EVPN:

Kontrollebene

Falle 2

Annehmen, dass VXLAN STP benötigt.

Moderne Fabrics basieren typischerweise auf Routing.

Falle 3

VLAN-ID und VNI verwechseln.

Falle 4

Overlay und Underlay vertauschen.

Falle 5

VTEP nicht kennen.

Praxisbezug

Selbst wenn viele Enterprise-Netzwerke heute noch klassische VLANs verwenden, entwickeln sich moderne Architekturen zunehmend in Richtung:

  • Fabric-Netzwerke
  • EVPN
  • VXLAN
  • Automatisierung
  • Cloud-Integration

Ein solides Verständnis dieser Konzepte wird daher immer wichtiger.

Fazit

EVPN und VXLAN bilden die Grundlage moderner Netzwerkvirtualisierung.

VXLAN ermöglicht die Übertragung von Layer-2-Netzen über Layer-3-Infrastrukturen.

EVPN ergänzt diese Architektur um eine skalierbare BGP-basierte Control Plane.

Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:

  • warum VLANs Grenzen besitzen,
  • was VXLAN löst,
  • die Rolle von VNI und VTEP,
  • den Unterschied zwischen Overlay und Underlay,
  • sowie die Funktion von EVPN als Control Plane.

Auch wenn die Prüfung keine tiefen Implementierungsdetails erwartet, gehören diese Konzepte mittlerweile zum Standardwissen moderner Enterprise-Netzwerke.

JNCIS-ENT Prüfungsstrategie

Merke dir folgende Beziehung:

Underlay
(IP Routing)

VXLAN
(Data Plane)

EVPN
(Control Plane)

Wenn du diese drei Ebenen sauber unterscheiden kannst, wirst du die meisten EVPN/VXLAN-Fragen der JNCIS-ENT problemlos beantworten.