IS-IS Grundlagen - Das andere große Routing-Protokoll der JNCIS-ENT
21.08.2026 6 Min. Lesezeit
Wer sich mit Enterprise-Routing beschäftigt, stößt früher oder später auf eine interessante Frage:
Warum existiert neben OSPF überhaupt noch ein weiteres Link-State-Routing-Protokoll?
Schließlich scheint OSPF nahezu alle Anforderungen moderner Netzwerke abzudecken:
- schnelle Konvergenz
- hierarchisches Design
- offene Standards
- breite Herstellerunterstützung
Tatsächlich wird OSPF in Campus- und Enterprise-Netzwerken sehr häufig eingesetzt.
Dennoch setzen viele große Service Provider, Internet Carrier und Backbone-Betreiber stattdessen auf IS-IS (Intermediate System to Intermediate System).
Wer einen Blick in die Netzwerke großer Telekommunikationsanbieter wirft, findet oft IS-IS als primäres Interior Gateway Protocol (IGP).
Auch Juniper hat historisch eine starke Verbindung zu IS-IS. Deshalb gehört das Protokoll seit vielen Jahren zu den festen Bestandteilen der JNCIS-ENT-Prüfung.
Die gute Nachricht:
Wer OSPF bereits verstanden hat, wird viele Konzepte von IS-IS wiedererkennen.
Die Herausforderung besteht darin, die Unterschiede zu verstehen.
Was ist IS-IS?
IS-IS steht für:
Intermediate System to Intermediate System
Der Name wirkt heute etwas ungewohnt, stammt jedoch aus den frühen Tagen der Netzwerktechnik.
Damals sprach man nicht von Routern, sondern von sogenannten:
Intermediate Systems
Also Systemen, die Daten zwischen Netzwerken weiterleiten.
Im modernen Sprachgebrauch entspricht dies einem Router.
Die ursprüngliche Idee
IS-IS wurde ursprünglich für das OSI-Protokollmodell entwickelt.
Damals war noch nicht klar, ob sich TCP/IP langfristig durchsetzen würde.
Später wurde IS-IS erweitert, um IP-Netzwerke zu unterstützen.
Diese Erweiterung wird häufig als:
Integrated IS-IS
bezeichnet.
Wenn heute von IS-IS gesprochen wird, ist nahezu immer Integrated IS-IS gemeint.
Warum nutzen Provider IS-IS?
Diese Frage taucht regelmäßig in Schulungen und Interviews auf.
Die Antwort liegt weniger in der Funktionalität als in der Architektur.
IS-IS besitzt einige Eigenschaften, die besonders in sehr großen Netzwerken attraktiv sind.
Trennung von Routing und IP
OSPF läuft direkt über IP.
IS-IS arbeitet hingegen direkt auf Layer 2.
Das bedeutet:
OSPF verwendet IP-Pakete.
IS-IS verwendet eigene Layer-2-Frames.
Warum ist das interessant?
Dadurch ist IS-IS unabhängiger von IP-Konfigurationen.
Ein Router kann beispielsweise IS-IS-Nachbarn aufbauen, bevor sämtliche IP-Konfigurationen vollständig vorhanden sind.
In sehr großen Backbone-Netzen vereinfacht dies bestimmte Betriebsabläufe.
OSPF und IS-IS im Vergleich
Auf den ersten Blick wirken beide Protokolle sehr ähnlich.
Beide sind:
- Link-State-Protokolle
- hierarchisch aufgebaut
- für große Netzwerke geeignet
- schnell konvergent
Dennoch gibt es einige wichtige Unterschiede.
| OSPF | IS-IS |
|---|---|
| Läuft über IP | Läuft direkt über Layer 2 |
| Router-ID | System-ID |
| Areas | Level-Struktur |
| LSAs | LSPs |
| LSDB | Link-State Database |
Für die JNCIS-ENT ist vor allem wichtig, diese Begriffe unterscheiden zu können.
Link-State-Routing in IS-IS
Genau wie OSPF erstellt IS-IS eine vollständige Sicht auf die Netzwerktopologie.
Jeder Router sammelt Informationen über:
- Nachbarn
- Verbindungen
- Kosten
- erreichbare Netzwerke
Diese Informationen werden anschließend in einer Datenbank gespeichert.
Danach berechnet der SPF-Algorithmus die besten Pfade.
Der grundlegende Ablauf ist daher nahezu identisch mit OSPF.
Die Terminologie von IS-IS
Viele Prüfungsteilnehmer scheitern nicht an der Technik, sondern an der Begriffswelt.
IS-IS verwendet teilweise andere Namen für ähnliche Konzepte.
Router = Intermediate System (IS)
Ein Router wird als:
IS
bezeichnet.
Netzwerke = End Systems (ES)
Endgeräte heißen:
ES
LSAs = LSPs
Während OSPF LSAs verwendet, nutzt IS-IS:
Link-State PDUs
oder kurz:
LSP
Hello-Pakete = IIH
OSPF:
Hello
IS-IS:
IS-IS Hello
bzw.
IIH
(Intermediate System Hello)
Die Level-Struktur von IS-IS
Hier beginnt einer der größten Unterschiede zu OSPF.
OSPF verwendet:
Areas
IS-IS verwendet:
Level 1
Level 2
Level 1
Level-1-Router kennen nur ihre eigene Area.
Sie besitzen keine vollständige Sicht auf andere Areas.
Vergleichbar mit:
OSPF interne Area
Beispiel
Area 49.0001
R1
|
R2
|
R3
Alle Router kennen die interne Topologie ihrer Area.
Level 2
Level-2-Router bilden das Backbone des Netzwerks.
Sie verbinden verschiedene Areas miteinander.
Vergleichbar mit:
OSPF Area 0
Level-1-2 Router
Ein Router kann gleichzeitig:
Level 1
und
Level 2
sein.
Diese Router übernehmen eine ähnliche Rolle wie OSPF-ABRs.
Vergleich zu OSPF
| OSPF | IS-IS |
|---|---|
| ABR | Level-1-2 Router |
| Area 0 | Level 2 Backbone |
| Area Router | Level 1 Router |
Diese Tabelle ist äußerst prüfungsrelevant.
Die NET-Adresse
Ein Konzept, das viele Einsteiger zunächst verwirrt.
IS-IS verwendet keine Router-ID im klassischen OSPF-Sinne.
Stattdessen besitzt jeder Router eine sogenannte:
NET
(Network Entity Title)
Aufbau
Eine typische NET könnte aussehen:
49.0001.0000.0000.0001.00
Diese enthält:
- Area-ID
- System-ID
- NSEL
Für die JNCIS-ENT musst du die Struktur erkennen können, aber normalerweise nicht jedes Feld auswendig analysieren.
Die System-ID
Innerhalb der NET befindet sich die System-ID.
Sie entspricht funktional ungefähr der Router-ID bei OSPF.
Beispiel:
0000.0000.0001
Jeder IS-IS-Router benötigt eine eindeutige System-ID.
IS-IS Metrics
Genau wie OSPF verwendet IS-IS Kostenwerte.
Diese heißen:
Metrics
SPF-Berechnung
Auch IS-IS verwendet Dijkstras SPF-Algorithmus.
Der Pfad mit den niedrigsten Gesamtkosten wird bevorzugt.
Damit ähnelt das Verhalten stark dem von OSPF.
Nachbarschaftsbildung
Auch IS-IS muss zunächst Nachbarn entdecken.
Dazu dienen die IIH-Pakete.
Der Ablauf ähnelt stark den OSPF-Hello-Paketen:
- Nachbarn entdecken
- Parameter prüfen
- Datenbank synchronisieren
- SPF berechnen
Designated Intermediate System (DIS)
Hier findet sich ein weiteres Konzept, das an OSPF erinnert.
Auf Broadcast-Netzwerken wird ein:
DIS
gewählt.
Der DIS übernimmt ähnliche Aufgaben wie ein OSPF-DR.
Wichtiger Unterschied
Anders als OSPF besitzt IS-IS normalerweise keinen BDR.
Dieser Unterschied wird gelegentlich abgefragt.
Junos-Konfiguration
Router-ID:
set routing-options router-id 1.1.1.1
NET konfigurieren:
set protocols isis level 1 disable
set protocols isis interface ge-0/0/0.0
set protocols isis interface lo0.0
set protocols isis net 49.0001.0000.0000.0001.00
Wichtige Show-Kommandos
Nachbarn:
show isis adjacency
Datenbank:
show isis database
Interfaces:
show isis interface
Routen:
show route protocol isis
Übersicht:
show isis overview
Typische JNCIS-ENT Prüfungsfallen
Falle 1
Area 0 mit Level 2 gleichsetzen.
Die Konzepte sind ähnlich, aber nicht identisch.
Falle 2
Router-ID und System-ID verwechseln.
Falle 3
LSA und LSP verwechseln.
Falle 4
Annehmen, dass IS-IS über IP läuft.
Das tut es nicht.
IS-IS arbeitet direkt auf Layer 2.
Falle 5
DIS mit DR/BDR gleichsetzen.
DIS ähnelt dem DR, besitzt aber kein direktes BDR-Pendant.
Warum Juniper IS-IS liebt
Historisch wurde IS-IS stark in Service-Provider-Netzwerken eingesetzt.
Juniper entwickelte viele seiner Routing-Plattformen ursprünglich für Carrier- und Backbone-Umgebungen.
Deshalb ist IS-IS in der Juniper-Welt bis heute besonders präsent.
Auch wenn viele Enterprise-Netzwerke primär OSPF verwenden, solltest du IS-IS als vollwertiges Routing-Protokoll verstehen und nicht als exotische Alternative betrachten.
Fazit
IS-IS ist neben OSPF das zweite große Link-State-Routing-Protokoll der Juniper-Welt.
Die grundlegenden Konzepte ähneln OSPF stark:
- Nachbarschaften
- Link-State-Datenbanken
- SPF-Berechnungen
- Kostenbasierte Pfadauswahl
Die wichtigsten Unterschiede liegen in:
- der Level-Struktur,
- der NET/System-ID,
- der Layer-2-Arbeitsweise,
- sowie den eigenen Begrifflichkeiten.
Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:
- Level 1 und Level 2,
- die Rolle von Level-1-2-Routern,
- die Bedeutung der NET,
- den Unterschied zwischen LSAs und LSPs,
- sowie die Unterschiede zwischen OSPF und IS-IS.
Im nächsten Artikel werden wir tiefer in die Architektur von IS-IS eintauchen und uns mit Level-1-, Level-2- und Level-1-2-Routern, Routing-Entscheidungen sowie der Backbone-Funktion von Level 2 beschäftigen. Genau dort entstehen die meisten prüfungsrelevanten Fragen rund um IS-IS.