IS-IS Level 1, Level 2 und Level-1-2 Router
22.08.2026 5 Min. Lesezeit
Während OSPF auf Areas und eine zentrale Backbone-Area setzt, verwendet IS-IS ein Level-Konzept.
Genau dieses Level-Modell gehört zu den Themen, die in der JNCIS-ENT regelmäßig geprüft werden.
Viele Kandidaten versuchen dabei, die Konzepte einfach mit OSPF gleichzusetzen. Das hilft zwar beim Einstieg, führt aber oft zu Missverständnissen.
Das Problem großer Routing-Domänen
Stellen wir uns ein Unternehmen mit mehreren Standorten vor:
München
Frankfurt
Hamburg
Berlin
Köln
Stuttgart
Jeder Standort besitzt:
- lokale Router
- lokale Netzwerke
- eigene WAN-Verbindungen
Ohne Hierarchie müsste jeder Router jede Änderung im gesamten Unternehmen kennen.
Fällt beispielsweise in Hamburg ein Link aus, müssten sämtliche Router in Deutschland ihre Datenbank aktualisieren und den SPF-Algorithmus neu ausführen.
In kleinen Netzwerken ist das akzeptabel.
In großen Netzen wird es problematisch.
Die Idee hinter der IS-IS-Hierarchie
IS-IS teilt Routing-Informationen bewusst auf.
Router benötigen nicht immer die vollständige Topologie des gesamten Unternehmens.
Ein Router in München muss beispielsweise nicht jede einzelne Access-Verbindung in Hamburg kennen.
Stattdessen genügt oft die Information:
„Das Zielnetz befindet sich hinter dem Backbone.“
Genau hier kommen die Level ins Spiel.
Level 1 – Die lokale Sicht
Level-1-Router kennen ausschließlich ihre eigene Area.
Sie besitzen detaillierte Informationen über:
- lokale Router
- lokale Verbindungen
- lokale Netzwerke
Sie kennen jedoch nicht die vollständige Topologie anderer Areas.
Beispiel
Area 49.0001
R1 --- R2 --- R3
Alle Router verfügen über dieselbe Level-1-Datenbank.
Sie kennen sämtliche Verbindungen innerhalb dieser Area.
Was kennen sie nicht?
Sie kennen normalerweise nicht:
Area 49.0002
R10 --- R11 --- R12
Die interne Struktur anderer Areas bleibt verborgen.
Warum ist das sinnvoll?
Je weniger Informationen ein Router speichern muss:
- desto kleiner wird die Datenbank
- desto geringer wird die CPU-Last
- desto schneller erfolgt die SPF-Berechnung
Dies ist derselbe Skalierungsgedanke, den wir bereits bei OSPF Areas kennengelernt haben.
Level 2 – Das Backbone
Level 2 bildet das Rückgrat des IS-IS-Netzwerks.
Während Level 1 für lokale Informationen zuständig ist, verbindet Level 2 die verschiedenen Areas miteinander.
Beispiel
Area 49.0001
|
|
Level 2
|
|
Area 49.0002
Die Router im Level-2-Bereich besitzen Informationen darüber, wie die einzelnen Areas miteinander verbunden sind.
Vergleich mit OSPF
Viele Administratoren vergleichen:
OSPF Area 0
mit:
IS-IS Level 2
Das ist für den Einstieg hilfreich.
Technisch handelt es sich jedoch um unterschiedliche Implementierungen.
Dennoch erfüllen beide dieselbe Aufgabe:
Sie verbinden verschiedene Routing-Bereiche miteinander.
Das eigentliche Herzstück: Level-1-2 Router
Nun kommen wir zu den wichtigsten Routern im gesamten IS-IS-Design.
Ein Level-1-2-Router spricht gleichzeitig:
Level 1
und
Level 2
Er besitzt daher zwei Perspektiven:
- die lokale Sicht seiner Area
- die Backbone-Sicht des gesamten Netzwerks
Beispiel
Area 49.0001
R1 --- R2 --- R3
|
|
L1/L2
|
|
Backbone
Der Level-1-2-Router fungiert als Übergang zwischen beiden Welten.
Vergleich zum OSPF ABR
An dieser Stelle fällt die Ähnlichkeit zu OSPF auf.
Ein OSPF ABR verbindet:
Area 1
↓
Area 0
Ein IS-IS Level-1-2 Router verbindet:
Level 1
↓
Level 2
Die Aufgaben sind vergleichbar:
- Informationsaustausch
- Hierarchieaufbau
- Skalierung
Prüfungsrelevanter Unterschied
Viele Prüfungsfragen formulieren:
Welcher Router verbindet Areas in IS-IS?
Die Antwort lautet nicht:
ABR
sondern:
Level-1-2 Router
Wie findet ein Level-1-Router entfernte Ziele?
Betrachten wir folgendes Beispiel:
Area 49.0001
R1 --- R2 --- L1/L2
Ein Ziel befindet sich in:
Area 49.0002
R1 kennt die interne Struktur dieser Area nicht.
Woher weiß er also, wohin Pakete gesendet werden müssen?
Die Default-Sicht des Backbones
Der Level-1-2-Router informiert die Level-1-Router:
„Wenn du Ziele außerhalb deiner Area erreichen möchtest, sende sie zu mir.“
Dadurch muss ein Level-1-Router nicht die gesamte Unternehmensstruktur kennen.
Er kennt lediglich den Weg zum nächstgelegenen Level-1-2-Router.
Das Prinzip der Zusammenfassung
Ein entscheidender Skalierungsvorteil von IS-IS besteht darin, dass Informationen verdichtet weitergegeben werden.
Statt tausende einzelne Netzwerke zu verteilen, können Areas als zusammenhängende Bereiche betrachtet werden.
Dadurch reduziert sich die Größe der Datenbanken erheblich.
Die Routing-Entscheidung in IS-IS
Ein häufiger Prüfungsaspekt lautet:
Welchen Pfad bevorzugt IS-IS?
Wie OSPF verwendet auch IS-IS den SPF-Algorithmus.
Die Auswahl erfolgt anhand von Metriken.
Der Router berechnet:
- alle bekannten Pfade
- deren Gesamtkosten
- den Pfad mit den geringsten Kosten
Equal Cost Multipath (ECMP)
Ein wichtiger Enterprise-Aspekt.
Angenommen zwei Pfade besitzen dieselben Kosten:
R1 --- R2 --- Ziel
R1 --- R3 --- Ziel
Beide Wege besitzen beispielsweise:
Cost 20
Dann kann IS-IS beide Pfade gleichzeitig verwenden.
Dieses Verhalten nennt sich:
Equal Cost Multipath
oder kurz:
ECMP
Warum ist ECMP wichtig?
Dadurch kann:
- Bandbreite besser genutzt werden
- Last verteilt werden
- Redundanz erhöht werden
Viele moderne Backbone-Netzwerke basieren stark auf ECMP.
Die Link-State Database in IS-IS
Jeder Router speichert eine Datenbank.
Diese enthält:
- Nachbarn
- Verbindungen
- Kosten
- erreichbare Netzwerke
Die Datenbank wird über LSPs aufgebaut.
Erinnern wir uns
OSPF:
LSA
↓
LSDB
↓
SPF
↓
Routing Table
IS-IS:
LSP
↓
Link-State Database
↓
SPF
↓
Routing Table
Das Grundprinzip bleibt identisch.
Typische JNCIS-ENT Prüfungsfragen
Frage 1
Welcher Router verbindet Level 1 und Level 2?
Antwort:
Level-1-2 Router
Frage 2
Welche Rolle übernimmt Level 2?
Antwort:
Backbone
Frage 3
Kennt ein Level-1-Router die vollständige Topologie anderer Areas?
Antwort:
Nein
Frage 4
Welcher Algorithmus berechnet die besten Pfade?
Antwort:
SPF
Frage 5
Welche Informationen werden über LSPs verteilt?
Antwort:
Link-State Informationen
Wichtige Junos-Kommandos
Adjacencies anzeigen:
show isis adjacency
Datenbank prüfen:
show isis database
Interfaces prüfen:
show isis interface
Routen anzeigen:
show route protocol isis
Übersicht anzeigen:
show isis overview
Typische Prüfungsfallen
Falle 1
Level 2 mit einer normalen Area verwechseln.
Level 2 bildet das Backbone.
Falle 2
ABR statt Level-1-2 Router antworten.
Falle 3
Annehmen, dass Level-1-Router die gesamte Topologie kennen.
Falle 4
LSP und LSA verwechseln.
Falle 5
Vergessen, dass IS-IS ebenfalls SPF verwendet.
Praxisbezug
In modernen Service-Provider-Netzwerken findet man häufig Designs wie:
Area A
|
L1/L2
|
Backbone
|
L1/L2
|
Area B
Dieses Modell ermöglicht:
- hohe Skalierbarkeit
- schnelle Konvergenz
- effiziente SPF-Berechnungen
- überschaubare Datenbanken
Genau deshalb wird IS-IS bis heute in vielen Carrier-Netzen bevorzugt.
Fazit
Die Level-Struktur ist das zentrale Architekturmerkmal von IS-IS.
Während Level 1 lokale Routing-Informationen verwaltet, bildet Level 2 das Backbone des Netzwerks.
Level-1-2-Router verbinden beide Ebenen miteinander und übernehmen damit eine Rolle, die in OSPF den ABRs ähnelt.
Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:
- den Unterschied zwischen Level 1 und Level 2,
- die Aufgabe von Level-1-2-Routern,
- die Backbone-Funktion von Level 2,
- die Rolle von LSPs,
- sowie das Zusammenspiel von SPF und Metriken.
Mit diesem Wissen hast du die wesentlichen IS-IS-Konzepte der JNCIS-ENT abgedeckt.