JNCIS-ENT BGP Grundlagen - Das Routing-Protokoll des Internets
23.08.2026 5 Min. Lesezeit
Einleitung
Bislang ging es um sogenannte Interior Gateway Protocols (IGPs). Sowohl OSPF als auch IS-IS wurden entwickelt, um Routing innerhalb einer einzelnen Organisation oder Routing-Domäne zu ermöglichen.
Ein Unternehmen kann mit OSPF oder IS-IS problemlos:
- Campus-Netzwerke verbinden
- Rechenzentren anbinden
- WAN-Standorte integrieren
- mehrere hundert oder tausend Router verwalten
Doch irgendwann stößt jedes Unternehmen an eine Grenze:
Wie kommuniziert mein Netzwerk mit anderen Netzwerken?
Das Internet besteht schließlich nicht aus einem einzigen OSPF- oder IS-IS-Netzwerk.
Es besteht aus zehntausenden unabhängigen Netzwerken, die unterschiedlichen Unternehmen, Providern, Cloud-Anbietern und Organisationen gehören.
Hier kommt das wichtigste Routing-Protokoll der Welt ins Spiel:
BGP – Border Gateway Protocol.
Ohne BGP würde das moderne Internet nicht funktionieren.
Genau deshalb gehört BGP zu den zentralen Themen der JNCIS-ENT.
Warum OSPF und IS-IS nicht ausreichen
Betrachten wir zwei Unternehmen:
Firma A
|
Internet
|
Firma B
Beide Unternehmen betreiben möglicherweise OSPF.
Allerdings existiert ein Problem:
OSPF wurde niemals dafür entwickelt, Routing-Informationen zwischen unabhängigen Organisationen auszutauschen.
Warum nicht?
Weil im Internet andere Anforderungen gelten:
- Millionen von Routen
- unterschiedliche Betreiber
- unterschiedliche Geschäftsinteressen
- unterschiedliche Routing-Richtlinien
Ein Provider möchte beispielsweise möglicherweise einen bestimmten Pfad bevorzugen, obwohl dieser technisch nicht der kürzeste ist.
OSPF kennt solche Konzepte nicht.
BGP hingegen wurde genau dafür entwickelt.
Was ist BGP?
BGP steht für:
Border Gateway Protocol
BGP ist ein sogenanntes:
Path Vector Protocol
Im Gegensatz zu OSPF und IS-IS basiert BGP nicht primär auf einer vollständigen Topologiesicht.
Stattdessen betrachtet BGP:
- erreichbare Netzwerke
- den Weg zu diesen Netzwerken
- verschiedene Routing-Attribute
Autonomous Systems
Bevor man BGP verstehen kann, muss man ein zentrales Konzept kennen:
Das Autonomous System (AS).
Ein Autonomous System ist eine Routing-Domäne, die unter gemeinsamer Verwaltung steht.
Beispiele:
- Internet Service Provider
- Cloud-Anbieter
- große Unternehmen
- Universitäten
Jedes Autonomous System erhält eine eindeutige Nummer:
ASN
(Autonomous System Number)
Beispiel
AS 64500
Unternehmen A
AS 64501
Provider X
AS 64502
Cloud Provider
Jedes dieser Netzwerke trifft eigene Routing-Entscheidungen.
Warum sind AS-Nummern wichtig?
BGP verwendet AS-Nummern, um Routing-Informationen zu kennzeichnen.
Dadurch kann ein Router erkennen:
- woher eine Route stammt
- welchen Weg sie genommen hat
- ob Routing-Schleifen entstehen könnten
AS-Nummern bilden somit das Fundament von BGP.
eBGP und iBGP
Dies ist eines der wichtigsten JNCIS-ENT-Themen.
BGP unterscheidet zwischen zwei Betriebsarten.
eBGP – External BGP
eBGP wird zwischen unterschiedlichen Autonomous Systems verwendet.
Beispiel:
AS 64500
|
eBGP
|
AS 64501
Dies ist der klassische Fall zwischen Unternehmen und Provider.
Aufgabe
eBGP transportiert Routing-Informationen zwischen unabhängigen Organisationen.
iBGP – Internal BGP
iBGP wird innerhalb desselben Autonomous Systems verwendet.
Beispiel:
AS 64500
R1 ----- R2 ----- R3
Alle Router gehören zum selben AS.
Die Kommunikation erfolgt über:
iBGP
Warum benötigt man iBGP?
Ein großes Unternehmen kann mehrere Edge-Router besitzen.
Wenn ein Router externe Routen lernt, müssen diese Informationen intern verteilt werden.
Genau dafür existiert iBGP.
JNCIS-ENT Merksatz
eBGP = zwischen verschiedenen AS
iBGP = innerhalb desselben AS
Diese Aussage gehört zu den absoluten Grundlagen.
BGP verwendet TCP
Hier unterscheidet sich BGP stark von OSPF und IS-IS.
OSPF verwendet:
IP Protocol 89
IS-IS verwendet:
Layer 2 Frames
BGP hingegen nutzt:
TCP Port 179
Warum ist das wichtig?
TCP liefert:
- zuverlässige Übertragung
- Sequenznummern
- Fehlerkontrolle
- Sitzungsverwaltung
Dadurch muss BGP diese Funktionen nicht selbst implementieren.
Die BGP-Session
Bevor Routen ausgetauscht werden können, muss eine BGP-Nachbarschaft aufgebaut werden.
Diese wird häufig als:
BGP Peering
bezeichnet.
Voraussetzungen
Beide Router müssen wissen:
- Nachbar-IP
- AS-Nummer des Nachbarn
Beispiel:
Router A
AS 64500
Router B
AS 64501
Router A erwartet:
Neighbor 10.0.0.2
Remote-AS 64501
Die BGP States
Ähnlich wie OSPF besitzt auch BGP verschiedene Zustände.
Der vollständige Ablauf lautet:
Idle
Connect
Active
OpenSent
OpenConfirm
Established
Wichtigster Zustand
Für Administratoren zählt vor allem:
Established
Nur in diesem Zustand werden Routen ausgetauscht.
Prüfungsrelevanz
Wenn gefragt wird:
Wann tauscht BGP Routing-Informationen aus?
Antwort:
Established State
BGP ist Policy-basiert
Hier liegt der größte Unterschied zu OSPF.
OSPF fragt:
Welcher Pfad besitzt die niedrigsten Kosten?
BGP fragt:
Welcher Pfad entspricht meiner Routing-Policy?
Dies ist ein fundamentaler Unterschied.
Beispiel
Unternehmen A besitzt zwei Provider:
Provider A
|
Unternehmen
|
Provider B
Technisch könnte Provider B näher sein.
Trotzdem kann das Unternehmen festlegen:
Verwende bevorzugt Provider A.
BGP erlaubt solche Entscheidungen.
Das AS Path Attribut
Eine der wichtigsten Informationen einer BGP-Route ist der:
AS Path
Beispiel
AS65000
AS65100
AS65200
Dieser Pfad zeigt:
- welche Autonomous Systems durchlaufen wurden
- wie die Route das Ziel erreicht
Warum ist das wichtig?
BGP kann Routing-Schleifen erkennen.
Wenn die eigene AS-Nummer bereits im AS Path erscheint, wird die Route verworfen.
Prüfungsrelevanz
Der AS Path dient:
- der Schleifenvermeidung
- der Pfadauswahl
BGP Route Selection
Im Gegensatz zu OSPF erfolgt die Auswahl nicht anhand einer einzigen Metrik.
BGP betrachtet verschiedene Attribute.
Für die JNCIS-ENT solltest du vor allem folgende kennen:
- Local Preference
- AS Path
- MED
- Next Hop
Vereinfachtes Modell
BGP bevorzugt typischerweise:
- höchste Local Preference
- kürzester AS Path
- weitere Attribute
Warum ist BGP so skalierbar?
OSPF benötigt eine vollständige Link-State-Datenbank.
Im Internet wäre das unmöglich.
BGP speichert keine vollständige Topologie.
Stattdessen kennt ein Router lediglich:
- erreichbare Präfixe
- den Weg dorthin
- die zugehörigen Attribute
Dadurch kann BGP hunderttausende oder sogar Millionen von Routen verwalten.
Junos-Konfiguration
Ein einfaches eBGP-Beispiel:
set protocols bgp group ISP type external
set protocols bgp group ISP peer-as 64501
set protocols bgp group ISP neighbor 192.0.2.1
iBGP-Beispiel:
set protocols bgp group IBGP type internal
set protocols bgp group IBGP neighbor 10.0.0.2
Wichtige Show-Kommandos
Nachbarn anzeigen:
show bgp neighbor
Zusammenfassung:
show bgp summary
BGP-Routen:
show route protocol bgp
Empfangene Routen:
show route receive-protocol bgp
Typische JNCIS-ENT Prüfungsfallen
Falle 1
BGP mit einem Link-State-Protokoll verwechseln.
BGP ist ein Path-Vector-Protokoll.
Falle 2
eBGP und iBGP verwechseln.
Falle 3
TCP-Port 179 vergessen.
Falle 4
Den AS Path nicht kennen.
Falle 5
Annehmen, dass BGP immer den kürzesten technischen Weg bevorzugt.
BGP folgt Routing-Policies.
Praxisbezug
Wenn du eine Website öffnest, passiert im Hintergrund etwas Erstaunliches.
Die Route von deinem Netzwerk zu einem Cloud-Rechenzentrum könnte durch mehrere Provider und Autonomous Systems führen.
Jeder dieser Übergänge wird über BGP gesteuert.
BGP entscheidet letztlich darüber:
- welchen Weg Datenpakete nehmen,
- welche Provider bevorzugt werden,
- und wie das globale Internet zusammenarbeitet.
Deshalb gilt BGP oft als das wichtigste Routing-Protokoll überhaupt.
Fazit
BGP bildet das Fundament des modernen Internets und unterscheidet sich grundlegend von OSPF und IS-IS.
Während IGPs die beste Route innerhalb eines Netzwerks berechnen, ermöglicht BGP den Austausch von Routing-Informationen zwischen unabhängigen Autonomous Systems.
Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:
- was ein Autonomous System ist,
- den Unterschied zwischen eBGP und iBGP,
- die Bedeutung von TCP Port 179,
- die Funktion des AS Paths,
- sowie die policy-basierte Arbeitsweise von BGP.