LDP und RSVP-TE - Wie MPLS-Pfade tatsächlich aufgebaut werden
22.06.2026 Zuletzt aktualisiert: 27.06.2026 6 Min. Lesezeit
Im vorherigen Artikel haben wir betrachtet, wie MPLS die klassische IP-Weiterleitung um eine zusätzliche Label-Ebene erweitert. Dabei entstand jedoch eine entscheidende Frage: Woher wissen die Router eigentlich, welche Labels verwendet werden sollen?
Ein MPLS-Label besitzt lediglich lokale Bedeutung zwischen zwei benachbarten Routern. Damit ein vollständiger Label Switched Path durch das Netzwerk entstehen kann, müssen die Router Informationen über Labels austauschen und sich auf deren Verwendung einigen.
Genau hierfür wurden spezielle Signalisierungsprotokolle entwickelt.
Im Service-Provider-Umfeld spielen dabei vor allem zwei Technologien eine zentrale Rolle: das Label Distribution Protocol (LDP) und das Resource Reservation Protocol Traffic Engineering (RSVP-TE).
Beide Technologien dienen dem Aufbau von MPLS-Pfaden. Die zugrunde liegenden Konzepte und Ziele unterscheiden sich jedoch erheblich.
Für die JNCIS-SP-Zertifizierung ist das Verständnis dieser Unterschiede von zentraler Bedeutung.
Warum MPLS zusätzliche Protokolle benötigt
Routingprotokolle wie OSPF oder IS-IS liefern Informationen über die Netzwerktopologie.
Sie beschreiben:
- erreichbare Netzwerke,
- verfügbare Verbindungen,
- Kosten einzelner Pfade.
Diese Informationen reichen jedoch nicht aus, um MPLS-Labels zu verwalten.
Ein Router muss zusätzlich wissen:
- welches Label einem Zielnetz zugeordnet wurde,
- welches Label an den nächsten Router weitergegeben werden soll,
- wie eingehende Labels verarbeitet werden.
Deshalb benötigt MPLS eigene Mechanismen zur Labelverteilung.
Die Aufgabe von LDP
Das Label Distribution Protocol wurde entwickelt, um MPLS möglichst einfach in bestehende Netzwerke zu integrieren.
LDP orientiert sich dabei vollständig an den Informationen des zugrunde liegenden Routingprotokolls.
Das bedeutet:
Zunächst berechnet OSPF oder IS-IS den besten Pfad durch das Netzwerk.
Anschließend verteilt LDP die erforderlichen Labels entlang dieses Pfades.
LDP trifft also keine eigenen Routingentscheidungen.
Es folgt immer der bereits vorhandenen Routinglogik.
Wie LDP funktioniert
Jeder LDP-Router weist bekannten Netzpräfixen lokale Labels zu.
Diese Labels werden anschließend an benachbarte Router angekündigt.
Die Nachbarn speichern die Informationen und können daraus ihre eigene Label-Forwarding-Tabelle aufbauen.
Schritt für Schritt entsteht so ein vollständiger Label Switched Path durch das Netzwerk.
Für Administratoren wirkt dieser Prozess meist unsichtbar.
Tatsächlich arbeitet LDP jedoch permanent im Hintergrund und hält die Labelinformationen aktuell.
LDP Discovery
Bevor Router Labels austauschen können, müssen sie ihre Nachbarn erkennen.
Hierfür verwendet LDP spezielle Discovery-Nachrichten.
Diese werden über UDP übertragen.
Sobald zwei Router sich entdeckt haben, bauen sie eine dauerhafte Sitzung auf.
Erst danach beginnt der eigentliche Austausch von Labelinformationen.
Das Verfahren ähnelt in gewisser Weise der Nachbarschaftsbildung von OSPF oder IS-IS.
Die LDP-Session
Nach erfolgreicher Discovery entsteht eine TCP-basierte LDP-Session.
Über diese Verbindung werden sämtliche Labelinformationen ausgetauscht.
Die Verwendung von TCP gewährleistet einen zuverlässigen Transport der Signalisierungsdaten.
Innerhalb großer MPLS-Netze können dadurch tausende Labelinformationen stabil verwaltet werden.
Label Switched Paths mit LDP
Die durch LDP erzeugten Pfade folgen stets den Entscheidungen des Interior Gateway Protocols.
Man spricht daher häufig von IGP-basierten LSPs.
Wenn OSPF oder IS-IS einen neuen besten Pfad berechnen, passt LDP die Labelinformationen automatisch an.
Diese enge Kopplung vereinfacht den Betrieb erheblich.
Genau deshalb ist LDP bis heute die am weitesten verbreitete MPLS-Signalisierungstechnologie.
Die Grenzen von LDP
Die Einfachheit von LDP bringt jedoch auch Einschränkungen mit sich.
Da LDP vollständig vom Routingprotokoll abhängt, besitzt der Administrator nur begrenzte Kontrolle über die tatsächlichen Verkehrswege.
Ein Provider kann beispielsweise nicht ohne Weiteres festlegen:
- welche Leitung bevorzugt genutzt wird,
- welche Bandbreite reserviert werden soll,
- welche Verbindungen umgangen werden sollen.
Für solche Anforderungen wurde RSVP-TE entwickelt.
Die Idee hinter Traffic Engineering
In vielen Provider-Netzen existieren mehrere mögliche Wege zwischen zwei Standorten.
Das Routingprotokoll wählt jedoch normalerweise lediglich den kürzesten Pfad.
Dies kann zu unerwünschten Situationen führen.
Ein Link wird möglicherweise überlastet, während andere Verbindungen kaum genutzt werden.
Hier setzt Traffic Engineering an.
Das Ziel besteht darin, Verkehrsströme gezielt durch das Netzwerk zu lenken.
RSVP-TE als Signalisierungsprotokoll
RSVP-TE erweitert MPLS um genau diese Fähigkeiten.
Im Gegensatz zu LDP baut RSVP-TE nicht automatisch Pfade entlang der IGP-Entscheidungen auf.
Stattdessen können Administratoren explizit bestimmen, wie ein LSP durch das Netzwerk verlaufen soll.
Dadurch entsteht deutlich mehr Kontrolle über die Nutzung der Infrastruktur.
Explizite Pfade
Eine der bekanntesten Funktionen von RSVP-TE ist die Unterstützung expliziter Pfade.
Der Administrator kann festlegen, welche Router ein LSP durchlaufen soll.
Dadurch lassen sich bestimmte Verbindungen gezielt nutzen oder vermeiden.
Diese Fähigkeit war lange Zeit einer der wichtigsten Gründe für den Einsatz von RSVP-TE in großen Backbone-Netzen.
Bandbreitenreservierung
RSVP wurde ursprünglich entwickelt, um Netzwerkressourcen zu reservieren.
Diese Fähigkeit wurde auch in RSVP-TE übernommen.
Ein LSP kann bestimmte Bandbreitenanforderungen definieren.
Die beteiligten Router prüfen anschließend, ob ausreichend Ressourcen verfügbar sind.
Dadurch lassen sich kritische Anwendungen gezielt absichern.
Constraint-Based Routing
RSVP-TE nutzt sogenannte Constraints, also Einschränkungen oder Anforderungen.
Ein Pfad kann beispielsweise folgende Bedingungen erfüllen müssen:
- bestimmte Bandbreite,
- bestimmte Verbindungen,
- definierte Latenzwerte,
- Ausschluss bestimmter Links.
Auf Basis dieser Vorgaben berechnet das Netzwerk einen geeigneten Pfad.
Dieses Verfahren wird als Constraint-Based Routing bezeichnet.
Fast Reroute
Ein weiterer großer Vorteil von RSVP-TE ist die Unterstützung von Fast Reroute.
Bei einem Leitungsausfall kann der Verkehr nahezu unmittelbar auf vorbereitete Ersatzpfade umgeleitet werden.
Die Umschaltzeiten liegen häufig deutlich unter einer Sekunde.
Für Echtzeitanwendungen und kritische Dienste ist dies von enormer Bedeutung.
Fast Reroute war über viele Jahre eine der wichtigsten MPLS-Hochverfügbarkeitsfunktionen.
LDP versus RSVP-TE
Beide Technologien verfolgen unterschiedliche Ziele.
| Merkmal | LDP | RSVP-TE |
|---|---|---|
| Aufbau | Automatisch | Explizit steuerbar |
| Orientierung | IGP-Pfade | Traffic Engineering |
| Komplexität | Gering | Höher |
| Bandbreitenreservierung | Nein | Ja |
| Fast Reroute | Eingeschränkt | Ja |
| Betriebsaufwand | Niedrig | Höher |
Diese Unterschiede erklären, warum viele Netzbetreiber beide Technologien parallel einsetzen oder eingesetzt haben.
Die Entwicklung zu Segment Routing
In modernen Provider-Netzen wird RSVP-TE zunehmend durch Segment Routing ergänzt oder ersetzt.
Viele der klassischen Traffic-Engineering-Funktionen lassen sich heute einfacher und skalierbarer umsetzen.
Trotzdem bleibt RSVP-TE ein wichtiges Prüfungsthema, da zahlreiche produktive Netzwerke weiterhin darauf basieren.
Außerdem lassen sich viele moderne Konzepte besser verstehen, wenn die historischen Grundlagen bekannt sind.
Die Bedeutung für MPLS VPNs
Sowohl LDP als auch RSVP-TE stellen Transportpfade bereit.
Diese Pfade bilden die Grundlage für zahlreiche MPLS-Dienste.
Layer-3 VPNs, Layer-2 VPNs und VPLS nutzen die vorhandenen LSPs, um Kundendaten durch das Backbone zu transportieren.
Ohne funktionierende Labelverteilung wären diese Dienste nicht möglich.
Typische Fehlerbilder
Probleme mit MPLS-Signalisierung entstehen häufig durch:
- fehlende LDP-Nachbarschaften,
- fehlerhafte Router-IDs,
- inkonsistente IGP-Konfigurationen,
- RSVP-Ressourcenprobleme,
- nicht verfügbare Bandbreite,
- unterbrochene Signalisierungspfade.
In vielen Fällen liegt die Ursache nicht bei MPLS selbst, sondern in der zugrunde liegenden Routinginfrastruktur.
Relevanz für die JNCIS-SP-Prüfung
Kandidaten sollten insbesondere verstehen:
- die Aufgabe von LDP,
- den Aufbau von LDP-Sessions,
- die Rolle von Labelverteilung,
- die Unterschiede zwischen LDP und RSVP-TE,
- die Ziele von Traffic Engineering,
- die Bedeutung von Fast Reroute.
Die Prüfung konzentriert sich dabei stärker auf Konzepte als auf detaillierte Konfigurationssyntax.
Der nächste Schritt: MPLS VPNs
Mit LDP und RSVP-TE sind nun sämtliche Grundlagen vorhanden, um den eigentlichen Zweck vieler MPLS-Netze zu betrachten.
Die meisten Unternehmen kaufen keine MPLS-Transportpfade.
Sie kaufen Dienste.
Genau deshalb stellen MPLS VPNs den nächsten großen Themenbereich der JNCIS-SP-Zertifizierung dar.
Hier zeigt sich erstmals die eigentliche Stärke von MPLS als Plattform für hochskalierbare Kundennetze.
Fazit
LDP und RSVP-TE bilden die Signalisierungsebene moderner MPLS-Netze. Während LDP automatisch den Entscheidungen des zugrunde liegenden Routingprotokolls folgt, ermöglicht RSVP-TE eine gezielte Steuerung von Verkehrsströmen durch Traffic Engineering und Bandbreitenreservierung.
Für JNCIS-SP-Kandidaten ist das Verständnis dieser Technologien essenziell, da sie die Grundlage sämtlicher MPLS-Dienste bilden. Wer die Unterschiede zwischen automatischer Labelverteilung und expliziter Pfadsteuerung verstanden hat, ist optimal vorbereitet für den nächsten Schritt in der Evolution moderner Provider-Netze: MPLS VPNs.