Route Redistribution in Junos

02.06.2026 5 Min. Lesezeit

Wenn Routing-Protokolle miteinander sprechen müssen

Einleitung

Bisher haben wir die großen Routing-Protokolle der JNCIS-ENT einzeln betrachtet:

  • OSPF
  • IS-IS
  • BGP
  • Statische Routen

In Lehrbüchern wirken diese Protokolle oft wie voneinander getrennte Welten.

Die Realität sieht jedoch anders aus.

In produktiven Netzwerken existieren häufig mehrere Routing-Protokolle gleichzeitig.

Ein typisches Enterprise-Netzwerk könnte beispielsweise so aussehen:

Campus
(OSPF)
    |
    |
Core
(IS-IS)
    |
    |
Edge
(BGP)
    |
Internet

Plötzlich entsteht eine wichtige Frage:

Wie erfährt BGP von OSPF-Routen?

Wie gelangen statische Routen nach OSPF?

Wie werden interne Netze gegenüber einem Provider angekündigt?

Die Antwort lautet:

Route Redistribution.

Redistribution gehört zu den klassischen Themen der JNCIS-ENT, weil sie sowohl Routing-Grundlagen als auch Junos Policies miteinander verbindet.

Wer Redistribution versteht, versteht auch, warum Routing-Protokolle in großen Netzwerken selten isoliert arbeiten.

Was bedeutet Redistribution?

Redistribution bedeutet:

Ein Routing-Protokoll übernimmt Routen aus einer anderen Quelle und verteilt diese weiter.

Beispiel

OSPF
  |
  |
Redistribution
  |
  |
BGP

Eine OSPF-Route wird dabei:

OSPF Route
Routing Table
BGP
Advertisement

Dadurch wird das Netzwerk über Protokollgrenzen hinweg erreichbar.

Warum wird Redistribution benötigt?

Betrachten wir ein Unternehmen mit einem Internetanschluss.

Intern läuft:

OSPF

Extern läuft:

BGP

Das interne Netz:

10.10.10.0/24

soll über das Internet erreichbar sein.

Problem:

BGP kennt dieses Netz zunächst nicht.

OSPF kennt es zwar, BGP jedoch nicht.

Die Lösung:

OSPF
Redistribution
BGP

Nun kann der Edge-Router das Netz gegenüber dem Provider ankündigen.

Die Routing Information Base (RIB)

Bevor wir Redistribution verstehen können, müssen wir einen Blick auf die Junos-Architektur werfen.

Alle Routing-Protokolle schreiben ihre Informationen zunächst in eine gemeinsame Routing-Tabelle.

Diese nennt sich:

Routing Information Base

oder kurz:

RIB

Vereinfachtes Modell

OSPF
    \
     \
IS-IS ---> RIB
     /
    /
Static

Die Redistribution liest Routen typischerweise aus dieser gemeinsamen Tabelle und gibt sie an ein anderes Protokoll weiter.

Redistribution ist keine automatische Funktion

Hier liegt eine häufige Prüfungsfalle.

Viele Administratoren gehen davon aus:

Wenn ein Router sowohl OSPF als auch BGP spricht, werden die Routen automatisch ausgetauscht.

Das ist falsch.

Wichtige Regel

In Junos erfolgt Redistribution grundsätzlich kontrolliert.

Meist über:

Routing Policies

Das ist eine bewusste Designentscheidung.

Warum automatische Redistribution gefährlich wäre

Stellen wir uns vor:

Internet
1.000.000 Routen

Diese würden ungefiltert nach OSPF gelangen.

Das Ergebnis wäre katastrophal:

  • enorme LSDB
  • hohe CPU-Last
  • langsame Konvergenz
  • unnötige Komplexität

Deshalb gilt:

Redistribution sollte immer gezielt gesteuert werden.

Redistribution statischer Routen nach OSPF

Ein klassischer Anwendungsfall.

Beispiel

Static Route

192.168.100.0/24

Diese Route soll in OSPF veröffentlicht werden.

Policy:

from protocol static

then accept

OSPF exportiert anschließend die Route.

Warum macht man das?

Typische Beispiele:

  • DMZ-Netze
  • Management-Netze
  • Null Routes
  • Zusammenfassungsrouten

Redistribution von OSPF nach BGP

Ein weiterer häufiger Fall.

Szenario

OSPF
Edge Router
BGP
Provider

Die internen Unternehmensnetze sollen öffentlich angekündigt werden.

Policy:

from protocol ospf

then accept

Die ausgewählten OSPF-Routen werden anschließend über BGP beworben.

Redistribution von BGP nach OSPF

Nun betrachten wir den umgekehrten Weg.

Beispiel

Internet
BGP
OSPF

Hier wird häufig eine Standardroute verteilt.

Nicht jedoch die komplette Internet-Routing-Tabelle.

Die berühmte Default Route

Anstatt:

1.000.000+ Internet-Präfixe

zu verteilen, genügt meist:

0.0.0.0/0

Die interne OSPF-Domäne lernt dadurch:

Für unbekannte Ziele verwende den Edge Router.

OSPF External Routes

Redistribuierte Routen erscheinen in OSPF als:

External Routes

Diese werden über spezielle LSAs angekündigt.

Für die JNCIS-ENT genügt meist das Verständnis:

Redistribuierte Routen werden als externe Informationen behandelt.

Redistribution und Administrative Preference

Ein weiterer wichtiger Prüfungsaspekt.

Stellen wir uns vor:

10.1.1.0/24

existiert gleichzeitig in:

  • OSPF
  • BGP
  • Static

Welche Route gewinnt?

Junos Preference

Junos verwendet:

Preference

anstelle von „Administrative Distance“.

Typische Werte:

QuellePreference
Direct0
Static5
OSPF Internal10
IS-IS Level 115
IS-IS Level 218
eBGP170
iBGP170

Prüfungsrelevanz

Niedrigere Preference gewinnt.

Redistribution und Routing-Loops

Hier lauert die größte Gefahr.

Beispiel

OSPF
BGP
OSPF

Eine Route wird:

  1. von OSPF nach BGP redistribuiert
  2. anschließend zurück nach OSPF

Das kann erzeugen:

Routing Loops

oder

Route Feedback

Warum Policies so wichtig sind

Genau deshalb setzt Juniper konsequent auf Routing Policies.

Sie ermöglichen:

  • Kontrolle
  • Filterung
  • Markierung
  • Schleifenvermeidung

Gute Praxis

Nicht:

Alles redistribuieren

Sondern:

Nur benötigte Präfixe redistribuieren

Beispiel einer kontrollierten Redistribution

Gewünscht:

10.0.0.0/8

Nicht gewünscht:

172.16.0.0/12

Policy:

route-filter 10.0.0.0/8 orlonger

then accept

Alle anderen Routen:

then reject

Dieses Muster begegnet einem in nahezu jedem Enterprise-Netzwerk.

Die Rolle von Communities

In größeren BGP-Umgebungen werden redistribuierte Routen häufig markiert.

Beispielsweise:

Community INTERNAL

Dadurch können andere Router erkennen:

Diese Route stammt ursprünglich aus OSPF.

Für die JNCIS-ENT reicht das Grundverständnis dieser Idee aus.

Wichtige Junos-Kommandos

Routing-Tabelle:

show route

OSPF-Routen:

show route protocol ospf

BGP-Routen:

show route protocol bgp

Statische Routen:

show route protocol static

Exportierte BGP-Routen:

show route advertising-protocol bgp

Empfangene Routen:

show route receive-protocol bgp

Typische JNCIS-ENT Prüfungsfallen

Falle 1

Annehmen, dass Redistribution automatisch erfolgt.

Falle 2

Import und Redistribution verwechseln.

Falle 3

Vergessen, dass Policies meist erforderlich sind.

Falle 4

Preference mit BGP Local Preference verwechseln.

Falle 5

Annehmen, dass komplette Internet-Routing-Tabellen nach OSPF redistribuiert werden sollten.

Praxisbezug

In nahezu jedem größeren Netzwerk existiert Redistribution.

Beispiele:

  • OSPF → BGP am Internet Edge
  • Static → OSPF für DMZ-Netze
  • OSPF → IS-IS bei Migrationen
  • BGP → OSPF für Default-Routen

Die Herausforderung besteht dabei weniger in der technischen Umsetzung als in der Kontrolle der ausgetauschten Informationen.

Genau deshalb sind Routing Policies und Redistribution untrennbar miteinander verbunden.

Fazit

Route Redistribution ermöglicht den Austausch von Routing-Informationen zwischen unterschiedlichen Routing-Protokollen.

Ohne Redistribution wären viele Enterprise- und Service-Provider-Designs nicht realisierbar.

Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:

  • was Redistribution bedeutet,
  • warum sie benötigt wird,
  • warum sie in Junos kontrolliert erfolgt,
  • welche Rolle Routing Policies dabei spielen,
  • sowie die Risiken unkontrollierter Redistribution.

Diese Konzepte bilden die Grundlage vieler Design- und Troubleshooting-Fragen.