Routing Policies in Junos – Das Herzstück der Routing-Kontrolle

02.08.2026 5 Min. Lesezeit

Einleitung

Wer von Cisco zu Juniper wechselt, erlebt häufig denselben Moment.

Die ersten Routing-Protokolle funktionieren problemlos:

  • OSPF läuft
  • IS-IS läuft
  • BGP baut Nachbarschaften auf

Doch sobald Routen gezielt beeinflusst werden sollen, stößt man auf ein neues Konzept:

Routing Policies.

Viele Administratoren betrachten Policies zunächst als ein weiteres Konfigurationsdetail.

In Wirklichkeit gehören Routing Policies jedoch zu den wichtigsten Funktionen von Junos überhaupt.

Tatsächlich könnte man argumentieren:

Routing-Protokolle lernen Routen.
Routing Policies entscheiden, was mit diesen Routen geschieht.

Genau deshalb gehören Routing Policies zu den zentralen Themen der JNCIS-ENT-Prüfung.

Nahezu jedes fortgeschrittene Routing-Design auf Juniper basiert auf Policies.

Wer Policies versteht, versteht einen großen Teil der Junos-Architektur.

Warum Routing Policies überhaupt existieren

Stellen wir uns einen Router vor, der Routen aus mehreren Quellen erhält.

OSPF
  |
  |
Router
 /    \
BGP   Static

Der Router lernt:

  • OSPF-Routen
  • BGP-Routen
  • statische Routen
  • direkt verbundene Netzwerke

Ohne weitere Kontrolle würde der Router sämtliche Informationen akzeptieren und weitergeben.

In der Praxis ist das selten erwünscht.

Beispiel

Ein Unternehmen besitzt:

10.0.0.0/8

intern.

Gleichzeitig erhält es vom Provider mehrere tausend Internet-Routen.

Nicht jede Route soll automatisch weiterverteilt werden.

Die Aufgabe von Routing Policies

Policies ermöglichen es, Routing-Informationen zu:

  • akzeptieren
  • verwerfen
  • verändern
  • markieren
  • priorisieren

Sie bilden damit die Entscheidungslogik des Routers.

Wo werden Policies eingesetzt?

In Junos praktisch überall.

Typische Einsatzgebiete:

  • BGP Import
  • BGP Export
  • OSPF Redistribution
  • IS-IS Redistribution
  • Route Filtering
  • Community Handling
  • Attribut-Manipulation

JNCIS-ENT Merksatz

Ohne Policy findet in Junos oft weniger statt als erwartet.

Dieser Satz wird besonders bei BGP wichtig.

Die Policy-Struktur

Jede Policy besteht aus zwei grundlegenden Komponenten:

from
then

Das Prinzip

Der Router prüft:

Wenn Bedingung erfüllt
→ Aktion ausführen

Beispiel

policy-statement ACCEPT-STATIC {

    from protocol static;

    then accept;
}

Übersetzt:

Wenn die Route aus dem statischen Routing stammt,
dann akzeptiere sie.

Die „from“-Klausel

Hier definiert man die Bedingungen.

Beispiele:

from protocol bgp
from protocol ospf
from route-filter 10.0.0.0/8 exact
from community CUSTOMER

Die Policy sucht nach passenden Routen.

Die „then“-Klausel

Nun wird festgelegt, was passieren soll.

Beispiele:

then accept
then reject
then local-preference 200
then community add CUSTOMER

Hier erfolgt die eigentliche Manipulation.

Accept und Reject

Die beiden wichtigsten Aktionen.

Accept

then accept

Die Route wird übernommen.

Reject

then reject

Die Route wird verworfen.

Prüfungsrelevanz

Viele JNCIS-Fragen prüfen lediglich, ob eine Route nach Anwendung einer Policy akzeptiert oder verworfen wird.

Route Filter

Ein Route Filter vergleicht IP-Präfixe.

Beispiel

from {
    route-filter 10.0.0.0/8 exact;
}

Die Policy trifft nur auf:

10.0.0.0/8

zu.

Nicht jedoch auf:

10.1.0.0/16

Exact Match

Ein häufiges Prüfungsthema.

route-filter 10.0.0.0/8 exact

bedeutet:

Nur exakt dieses Präfix.

Longer Match

route-filter 10.0.0.0/8 longer

bedeutet:

Alle spezifischeren Netze.

Beispiele:

10.1.0.0/16
10.2.0.0/24
10.10.10.0/24

Orlonger

Besonders beliebt in der Praxis.

route-filter 10.0.0.0/8 orlonger

bedeutet:

10.0.0.0/8

und alle Subnetze.

JNCIS-Falle

Viele Kandidaten verwechseln:

exact

mit:

orlonger

Import Policies

Import Policies wirken auf eingehende Routen.

Beispiel

Provider
   |
   |
 Import Policy
   |
 Router

Die Policy entscheidet:

Welche Routen werden überhaupt akzeptiert?

Export Policies

Export Policies wirken auf ausgehende Routen.

Beispiel

Router
   |
Export Policy
   |
Provider

Die Policy entscheidet:

Welche Routen werden weitergegeben?

Das BGP-Verhalten in Junos

Hier lauert eine der größten Prüfungsfallen.

Viele Administratoren kommen von Cisco und erwarten:

BGP exportiert automatisch alle bekannten Routen.

Junos verhält sich anders.

Wichtige Regel

BGP exportiert standardmäßig nicht automatisch jede Route.

In vielen Fällen benötigt man eine explizite Export Policy.

Prüfungsrelevanz

Wenn BGP funktioniert, aber keine Routen beworben werden:

Prüfe zuerst die Export Policy.

Policy Chains

Policies können mehrere Bedingungen enthalten.

Beispiel

term STATIC {
    from protocol static;
    then accept;
}

term BGP {
    from protocol bgp;
    then reject;
}

Der Router arbeitet die Terms nacheinander ab.

First Match Prinzip

Sobald eine Bedingung zutrifft:

Match
Aktion
Ende

Die nachfolgenden Terms werden nicht mehr geprüft.

Default Action

Ein weiterer wichtiger Prüfungsaspekt.

Was passiert, wenn keine Bedingung passt?

Die Antwort hängt vom Kontext ab.

Viele Policies enden mit:

then reject

um unerwartete Ergebnisse zu vermeiden.

Routing Policy und BGP

Hier zeigt sich die eigentliche Stärke von Policies.

Beispiel

Alle Provider-Routen erhalten:

Local Preference 200

Policy:

from protocol bgp

then local-preference 200

Dadurch beeinflusst die Policy direkt die spätere BGP Path Selection.

Communities manipulieren

Policies können auch BGP Communities setzen.

Beispiel:

then community add CUSTOMER

Die Route wird markiert.

Andere Router können diese Markierung später auswerten.

Praxisbeispiel

Ein Unternehmen besitzt:

ISP-A
ISP-B

Alle Routen von ISP-A sollen bevorzugt werden.

Policy:

from neighbor ISP-A

then local-preference 300

Dadurch gewinnt ISP-A bei der BGP-Entscheidung.

Wichtige Junos-Kommandos

Policies anzeigen:

show configuration policy-options

Routing-Tabelle prüfen:

show route

Policy-Auswirkungen analysieren:

show route advertising-protocol bgp

Empfangene Routen:

show route receive-protocol bgp

BGP-Routen im Detail:

show route extensive

Typische JNCIS-ENT Prüfungsfallen

Falle 1

Import und Export verwechseln.

Falle 2

Exact und Orlonger verwechseln.

Falle 3

Annehmen, dass BGP automatisch alle Routen exportiert.

Falle 4

Vergessen, dass Policies von oben nach unten verarbeitet werden.

Falle 5

Nicht erkennen, dass First Match die Verarbeitung beendet.

Warum Policies so wichtig sind

Nahezu jedes größere Netzwerk verwendet Policies für:

  • Traffic Engineering
  • Route Filtering
  • Security
  • Multi-Homing
  • Provider-Anbindungen
  • BGP-Tuning

In vielen Enterprise- und Service-Provider-Netzen besteht ein erheblicher Teil der Junos-Konfiguration aus Routing Policies.

Deshalb legt Juniper in den Zertifizierungen großen Wert auf dieses Thema.

Fazit

Routing Policies sind die zentrale Steuerungsinstanz von Junos.

Während Routing-Protokolle Informationen sammeln und verteilen, entscheiden Policies darüber, welche Informationen tatsächlich genutzt werden.

Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:

  • den Aufbau einer Policy,
  • die Bedeutung von „from“ und „then“,
  • Import- und Export-Policies,
  • Route Filter wie exact, longer und orlonger,
  • sowie das First-Match-Prinzip.

Diese Konzepte tauchen in vielen BGP-, OSPF- und IS-IS-Fragen indirekt wieder auf.