Routing Table, Forwarding Table und Packet Forwarding in Junos
04.07.2026 5 Min. Lesezeit
Einleitung
Wer Routing-Protokolle lernt, beschäftigt sich zunächst mit Themen wie:
- OSPF
- IS-IS
- BGP
- Routing Policies
- Redistribution
Dabei entsteht leicht der Eindruck, dass Routing-Protokolle die eigentliche Arbeit eines Routers erledigen.
Tatsächlich ist das nur die halbe Wahrheit.
Routing-Protokolle sammeln Informationen.
Die eigentliche Weiterleitung von Paketen erfolgt jedoch durch andere Komponenten.
Genau an diesem Punkt beginnt ein wichtiges Thema der JNCIS-ENT:
Wie gelangt eine Route von einem Routing-Protokoll in die tatsächliche Paketweiterleitung?
Oder anders formuliert:
Woher weiß ein Router eigentlich, über welches Interface ein Paket verschickt werden muss?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Architektur von Junos verstehen.
Viele Prüfungsfragen drehen sich nicht um OSPF oder BGP selbst, sondern um die Beziehung zwischen:
- Routing Information Base (RIB)
- Forwarding Information Base (FIB)
- Routing Engine
- Packet Forwarding Engine
Wer diese Zusammenhänge verstanden hat, besitzt ein deutlich tieferes Verständnis moderner Router.
Der häufigste Denkfehler
Viele Einsteiger glauben:
Die Routing-Tabelle wird direkt für die Paketweiterleitung verwendet.
Das klingt logisch.
Schließlich enthält die Routing-Tabelle alle bekannten Routen.
In modernen Routern stimmt das jedoch nicht.
Die Routing-Tabelle dient primär als Entscheidungs- und Verwaltungsinstanz.
Die eigentliche Paketweiterleitung erfolgt über eine optimierte Kopie dieser Informationen.
Die Junos-Architektur
Junos trennt Routing und Forwarding bewusst voneinander.
Vereinfacht dargestellt:
Routing Engine
|
|
RIB
|
|
FIB
|
|
Packet Forwarding Engine
Diese Trennung gehört zu den wichtigsten Architekturmerkmalen von Juniper-Routern.
Die Routing Engine (RE)
Die Routing Engine ist das „Gehirn“ des Routers.
Hier laufen:
- OSPF
- IS-IS
- BGP
- Routing Policies
- Management-Prozesse
Die Routing Engine berechnet, welche Routen verwendet werden sollen.
Aufgaben der RE
Die RE ist verantwortlich für:
- Nachbarschaftsaufbau
- SPF-Berechnungen
- BGP Path Selection
- Policy-Auswertung
- Routing-Entscheidungen
Wichtig:
Die RE verarbeitet normalerweise nicht jedes einzelne Datenpaket.
Sie entscheidet lediglich, wie Pakete weitergeleitet werden sollen.
Die Routing Information Base (RIB)
Die Routing Information Base ist die bekannte Routing-Tabelle.
Unter Junos lautet die Standard-IPv4-Tabelle:
inet.0
Was enthält die RIB?
Die RIB speichert:
- alle bekannten Routen
- Routing-Protokollinformationen
- Metriken
- Next Hops
- Präfixe
Beispiel:
10.1.1.0/24 via OSPF
192.168.10.0/24 via Static
203.0.113.0/24 via BGP
Die RIB ist die Entscheidungsgrundlage des Routers.
Mehrere Protokolle – eine Route
Betrachten wir folgendes Szenario:
10.10.10.0/24
wird gelernt über:
- OSPF
- IS-IS
- BGP
Der Router besitzt nun mehrere Kandidaten.
Welche Route gewinnt?
Hier kommt die Preference ins Spiel.
Wir erinnern uns:
| Quelle | Preference |
|---|---|
| Direct | 0 |
| Static | 5 |
| OSPF | 10 |
| IS-IS L1 | 15 |
| IS-IS L2 | 18 |
| BGP | 170 |
Der niedrigste Wert gewinnt.
Ergebnis
Nur die beste Route wird aktiv.
Diese aktive Route wird später in die FIB übernommen.
Active Route
Ein zentraler Prüfungsbegriff.
Eine Route kann:
Known
sein.
Oder:
Active
Nur aktive Routen werden für die Paketweiterleitung verwendet.
Beispiel:
10.10.10.0/24
OSPF
IS-IS
BGP
Bekannt:
Alle drei.
Aktiv:
Nur eine.
Prüfungsfalle
Viele Kandidaten verwechseln:
bekannte Route
mit
aktiver Route
Von der RIB zur FIB
Nachdem die beste Route ausgewählt wurde, geschieht etwas Entscheidendes.
Die Route wird in die:
Forwarding Information Base
kopiert.
Kurz:
FIB
Die FIB enthält ausschließlich Informationen, die für die Weiterleitung benötigt werden.
Warum existiert die FIB?
Performance.
Die Routing-Tabelle kann sehr groß sein.
Ein Internet-Router kennt heute häufig:
1.000.000+
Routen
oder mehr.
Würde jedes Paket gegen die vollständige Routing-Tabelle geprüft werden, wäre die Weiterleitung ineffizient.
Deshalb wird eine optimierte Version erzeugt.
Die Packet Forwarding Engine (PFE)
Nun kommt die eigentliche Arbeit.
Die PFE ist für die Paketweiterleitung zuständig.
Aufgaben
- Paketempfang
- Routing-Lookup
- TTL-Verarbeitung
- MPLS-Operationen
- QoS-Markierungen
- Paketweiterleitung
Die PFE arbeitet typischerweise in Hardware.
Dadurch können moderne Router enorme Datenmengen verarbeiten.
Warum ist die Trennung wichtig?
Betrachten wir einen OSPF-Neustart.
Die Routing Engine berechnet neue Routen.
Gleichzeitig verarbeitet die PFE weiterhin Millionen Pakete pro Sekunde.
Dadurch entsteht:
- hohe Stabilität
- bessere Skalierbarkeit
- geringere CPU-Belastung
Dies ist ein wesentliches Designprinzip von Juniper.
Der Routing Lookup Prozess
Nun verfolgen wir ein Paket Schritt für Schritt.
Paket kommt an
Beispiel:
Quelle:
10.1.1.10
Ziel:
172.16.1.50
Der Router betrachtet:
172.16.1.50
Longest Prefix Match
Nun beginnt der wichtigste Lookup-Prozess überhaupt.
Der Router sucht:
Welcher Routeneintrag passt am besten?
Nicht:
Erster Treffer
Sondern:
Längstes passendes Präfix
Beispiel
Routing-Tabelle:
172.16.0.0/16
172.16.1.0/24
172.16.1.0/25
Ziel:
172.16.1.20
Alle drei Präfixe passen.
Welches gewinnt?
Antwort:
172.16.1.0/25
Warum?
Weil:
/25
spezifischer ist als:
/24
und
/16
Warum ist Longest Prefix Match so wichtig?
Dieses Prinzip gilt unabhängig von:
- OSPF
- BGP
- IS-IS
- Static Routes
Das Routing-Protokoll spielt an dieser Stelle keine Rolle mehr.
Der Router betrachtet lediglich:
Welches Präfix ist am spezifischsten?
Die Default Route
Was passiert, wenn keine Route passt?
Dann greift häufig:
0.0.0.0/0
Die sogenannte:
Default Route
Sie fungiert als Auffangnetz.
Beispiel:
Internet Edge
Alle unbekannten Ziele werden dorthin geschickt.
Recursive Lookup
Ein weiteres beliebtes JNCIS-Thema.
Betrachten wir:
203.0.113.0/24
Next Hop:
192.0.2.1
Der Router kennt nun das Zielnetz.
Allerdings muss er zunächst herausfinden:
Wie erreiche ich 192.0.2.1?
Dafür erfolgt ein weiterer Lookup.
Dies nennt man:
Recursive Lookup
Beispiel
203.0.113.0/24
→ Next Hop 192.0.2.1
192.0.2.0/24
→ ge-0/0/0
Erst danach kann die tatsächliche Weiterleitung erfolgen.
Next-Hop Resolution
Dieser Prozess heißt:
Next-Hop Resolution
Ohne erfolgreiche Auflösung kann eine Route nicht aktiv werden.
Deshalb entstehen viele BGP-Probleme durch:
Next Hop unreachable
Die Forwarding Table
In der FIB stehen letztlich Informationen wie:
172.16.1.0/24
→ ge-0/0/0
→ MAC-Adresse
→ Next Hop
Die PFE kann dadurch Pakete extrem schnell verarbeiten.
ECMP in der FIB
Wir erinnern uns an den vorherigen Artikel.
Bei ECMP enthält die FIB:
203.0.113.0/24
→ NH1
→ NH2
→ NH3
Die Lastverteilung erfolgt direkt in der Forwarding-Hardware.
Wichtige Junos-Kommandos
Routing-Tabelle:
show route
Aktive Route:
show route detail
Forwarding-Tabelle:
show route forwarding-table
Bestimmtes Präfix:
show route 172.16.1.0/24
Routing-Tabellen anzeigen:
show route table inet.0
Typische JNCIS-ENT Prüfungsfallen
Falle 1
RIB und FIB verwechseln.
Falle 2
Annehmen, dass alle bekannten Routen aktiv sind.
Falle 3
Preference mit Longest Prefix Match verwechseln.
Falle 4
Longest Prefix Match ignorieren.
Falle 5
Nicht erkennen, dass die PFE und nicht die RE die eigentliche Paketweiterleitung durchführt.
Praxisbezug
In großen Juniper-Routern existieren häufig:
- Millionen von Routing-Einträgen
- mehrere Routing-Protokolle
- komplexe Policies
- zahlreiche ECMP-Pfade
Ohne die Trennung zwischen Routing Engine und Packet Forwarding Engine wäre eine solche Skalierung kaum möglich.
Deshalb ist die Architektur von Junos nicht nur ein Prüfungsgebiet, sondern die Grundlage für nahezu alle Carrier- und Enterprise-Plattformen des Herstellers.
Fazit
Routing-Protokolle allein leiten keine Pakete weiter.
Sie liefern lediglich Informationen für die Routing-Tabelle.
Die eigentliche Weiterleitung erfolgt über die Forwarding-Tabelle und die Packet Forwarding Engine.
Für die JNCIS-ENT solltest du insbesondere verstehen:
- die Aufgaben von RE und PFE,
- den Unterschied zwischen RIB und FIB,
- das Konzept der aktiven Route,
- Longest Prefix Match,
- Recursive Lookup,
- sowie die Bedeutung der Next-Hop-Resolution.
Diese Konzepte bilden die technische Grundlage für nahezu alle Routing-Entscheidungen in Junos.