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Strukturierte Verkabelung

02.05.2025 6 Min. Lesezeit

Warum strukturierte Verkabelung im Eigenheim sinnvoll ist

Physik schlägt Funk:

Das Shared-Medium-Problem

WLAN ist ein geteiltes Medium: Alle Geräte im WLAN teilen sich das gleiche, zumeist bereits überfüllte Frequenzspektrum. Je mehr Geräte gleichzeitig senden oder empfangen, desto höher die Kollisionen, desto schlechter die Performance.

Kabel jedoch, wie wir sie heute in Stern-Topologien nutzen, sind dedizierte Leitung: Jede Ethernet-Verbindung ist eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung mit garantierter Bandbreite und minimaler Latenz - unabhängig davon, was andere Geräte tun.

Stabilität und Performance

Wifi kann nur so gut sein wie das physikalische Fundament: Auch die besten Access Points brauchen eine stabile, schnelle Anbindung - idealerweise per Cat6a oder Cat7.

Backhaul über Kabel: Mesh-WLAN klingt bequem, ist aber oft ineffizient. Verkabelte Access Points liefern konstant hohe Performance, auch bei vielen Clients.

Zukunftssicherheit und Bandbreitenbedarf

10 Gbit/s und mehr: Moderne NAS-Systeme, 4K/8K-Streaming, Cloud-Backups, Home-Office mit Video-Conferencing - all das profitiert massiv von kabelgebundener Infrastruktur.

Power over Ethernet

Viele Geräte (Access Points, Kameras, VoIP-Telefone) lassen sich über das Netzwerkkabel per PoE mit Strom versorgen - kein separates Netzteil nötig. Und wer mag schon Wandwarzen?

Mit entsprechenden Adaptern können auch Geräte wie der Raspberry Pi per PoE versorgt werden - auch wenn das für mich den Flair einer Bastellösung hat.

Keine Funkstörungen

Kabelverbindungen sind weitgehend immun gegen Interferenzen durch Mikrowellen, Nachbars WLAN oder dicke Wände. Der “Empfang” ist immer gleich.

Flexible Nutzung

Zentrale Patchfelder erlauben flexible Nutzung - heute ein Access Point, morgen ein Smart-TV oder ein Arbeitsplatz.

Wertsteigerung der Immobilie

Professionelle Verkabelung ist ein Qualitätsmerkmal. Eine strukturierte Netzwerkverkabelung steigert den Wiederverkaufswert und die Attraktivität des Hauses - besonders für technikaffine Käufer.

Wie also in der Praxis?

Das klingt ja soweit erstmal alles gut, bleibt die Frage nach den notwendigen Anschaffungen und den damit verbundenen Kosten.

Eine strukturierte Verkabelung besteht im Allgemeinen aus drei Komponenten:

  • das zentrale Patchfeld
  • die Kabel selbst
  • die Dosen/Übergabepunkte am Zielort

Die Patchpanels selbst sind keine riesige Investition, zumindest wenn man von 19″ Hardware ausgeht. Andere Formfaktoren mögen existieren, mein Plan sieht allerdings die Patchfelder in 19″ Cabinets vor.

Patchpanels und Dosen

Bei Patchpanels sollte zwischen zwei verschiedenen Typen unterschieden werden:

  • feste Verkabelung mit z.B. LSA+
  • modulare Verkabelung durch Keystone Module

Keystone Module sind eine feine Sache. Das sind kleine Module die ohne Spezialwerkzeug auf ein verlegtes Kabel aufgesetzt werden können und dann einen definierten Anschluß liefern. In diesem Beispiel: RJ45 Buchsen. Auf jeder Seite des Kabels ein Modul, fertig ist die “einfache” Festverkabelung.

Die Module lassen sich dann wahlweise in eine Doseneinfassung einsetzen, unter- oder Aufputz, oder eben in einen Rahmen “einklicken” um die Funktionalität es Patchpanels zu liefern. Für kleinere Installationen - wie ich sie auch hier in der aktuellen Mietwohnung habe - meine klare Empfehlung. Leider ist diese Lösung nicht ganz billig.

Benötigt man viele Keystone Module, sind Patchpanels mit LSA+ eine günstigere Alternative. Man benötigt allerdings ein Spezialwerkzeug - kostet aber auch nicht die Welt - ein sogenanntes LSA+ Auflegewerkzeug. In den Patchpanels werden die einzelnen Kabel dann verschnürt und in vorbereitete Konaktleisten “geklickt”, dafür das Spezialwerkzeug, was einen wunderbaren elektrischen Kontakt herstellt.

LSA+ gibt es auch in Dosen, auch hier gibt es die Möglichkeit die Kosten etwas zu senken - im Allgemeinen scheint mir LSA+ die günstigere Alternative zu Keystone zu sein.

Wichtig bei beiden Ansätzen ist allerdings, daß beide Techniken nur mit “Verlegekabel” funktionieren, also recht starrem Kabel aus echten Drähten, keine flexiblen Litzen wie sie in Patchkabeln genutzt werden. Ein Keystone Modul auf eine Litze zu bekommen ist in etwa so aussichtslos wie einen RJ45 Stecker auf Verlegekabel zu crimpen - beides eine widerliche Fummelei.

Die Ethernet Kabel

Die beiden Enden des Kabels sind geklärt - welche Lösung auch immer zum Einsatz kommt, es fehlt noch das Kabel in der Mitte.

Ich möchte nicht zu tief in das Thema der Twisted-Pair-Verkabelung eintauchen, ich bin kein Elektriker, meiner Erfahrung nach sollte Cat6a-Verkabelung für die kommenden Jahre ausreichen, wer noch etwas mehr einsparen muß sollte zu Cat5e greifen. Das andere Ende des Spektrums, Cat7, sehr gerne, wenn der Geldbeutel es zuläßt.

Spannend sind duplex-Kabel, denn meistens möchte man Doppeldosen anfahren; ein einzelnes Duplex-Kabel zu verlegen ist deutlich einfacher als zwei simplex-Kabel. Für Installationsziele wie z.B. in der Raummitte an der Decke würde ich simplex-Kabel bevorzugen, hier wird vermutlich nie etwas anderes als ein Access Point installiert werden, aber für alle anderen Verbindungen empfehle ich duplex-Kabel zu nutzen.

Glasfaser

Ich bin full-contact-Nerd, selbstverständlich werden meine zentralen Patchfelder per LWL miteinander verbunden. Auch in Hinblick auf einen zukünftigen Glasfaser-Hausanschluß sehe ich LWL an den Patchfeldern nicht als optional, denn das (dankbarerweise!) bereits installierte Leerrohr zur Straße endet im Heizungskeller - wo ich eigentlich keine IT aufstellen möchte.

Meine Wahl fällt auf singlemode OS2. Dazu aber an anderer Stelle mehr, das ist noch nicht final durchgedacht.

Kommen wir zum Fazit:

„WLAN ist wie ein guter Espresso - bequem, schnell, aber nicht für jeden Zweck geeignet. Wenn’s richtig zählen muss, greift man zum Kabel - das ist wie ein guter alter Filterkaffee: zuverlässig, stark und ohne Überraschungen.“

Bleibt die Frage, was ist mit der alten ISDN Verkabelung aus den 90ern/2000ern.

ISDN-Verkabelung - Relikt oder Reserve?

Technisch überholt - aber nicht völlig nutzlos

ISDN ist tot - aber die Kabel leben weiter: Die klassische ISDN-Technologie (S₀-Bus, NTBA, etc.) wird von Providern nicht mehr unterstützt. Die meisten Anschlüsse sind heute All-IP-basiert - so auch unserer.

Verlegte Kabel (z. B. J-Y(ST)Y 2x2x0,6) können aber weiterverwendet werden - z. B. für:

  • Türsprechanlagen
  • analoge Telefonie über IP-Gateways
  • Smart-Home-Sensorik (z. B. Fensterkontakte, Klingel, Alarmanlagen)
  • RS-485, RS-232 oder KNX-Bus-Systeme

Nachrüsten?

Nur mit klarem Zweck. Keine Empfehlung zur Neuverlegung von ISDN-Kabeln: Wer heute baut oder saniert, sollte auf strukturierte Verkabelung mit Cat6a/Cat7 setzen - diese kann Daten, Telefonie und PoE gleichzeitig übertragen.

Wenn überhaupt, dann als Reserve: In seltenen Fällen kann eine zusätzliche Telefonverkabelung sinnvoll sein, aber ich empfehle ganz klar zu prüfen, ob Cat6+ die Anforderung nicht auch erfüllen kann.

ISDN-Kabel im Haus sind wie alte Röhrenfernseher: Sie funktionieren vielleicht noch - aber niemand will sie wirklich neu anschließen.

Was tun mit vorhandener ISDN-Verkabelung?

Nicht aktiv entfernen, wenn sie sauber verlegt ist - sie kann für einfache Steuerleitungen oder Klingel-/Türsysteme weiterverwendet werden.

Keine Neuverlegung - stattdessen auf strukturierte Ethernet-Verkabelung setzen.

Optional: Bestehende Leitungen mit Adapterlösungen (z. B. für analoge Telefone oder Sensorik) weiter nutzen - aber nicht als primäre Infrastruktur.

Nostalgie?

Ich plane - einfach nur weil es geht und mir der Gedanke Spaß macht - unsere vorhandene ISDN Verkabelung wieder mit einem S₀-Bus zu befahren. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

Themen Technikzeug
Schlagworte Ethernet Glasfaser Wifi ISDN
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