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Enshittification
19.01.2026 6 Min. Lesezeit
Warum alles plötzlich ein Abo ist - und warum wir uns dagegen wehren müssen
Es gibt Trends, die sich langsam einschleichen, und solche, die sich wie ein Flächenbrand ausbreiten. Der Wechsel vom Kauf- zum Mietmodell gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Was früher ein klarer Austausch war - Geld gegen Eigentum - verwandelt sich heute immer häufiger in ein dauerhaftes Nutzungsverhältnis, das nur so lange besteht, wie wir bereit sind, monatlich zu zahlen. Software, Autos, Landmaschinen, Haushaltsgeräte, ja sogar einzelne Funktionen wie Sitzheizungen oder Fernlichtassistenten werden nicht mehr verkauft, sondern vermietet. Und das geschieht nicht, weil es technisch notwendig wäre, sondern weil es sich für die Hersteller lohnt.
Dieser Wandel ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis einer strategischen Neuausrichtung ganzer Branchen, die erkannt haben, dass sich mit Abhängigkeiten mehr verdienen lässt als mit Produkten. Und er passiert, weil wir ihn zulassen.
Vom Produkt zum „Service“: Warum Hersteller das Mietmodell lieben
Für Unternehmen ist das Abo-Modell ein Traum. Einmalige Verkäufe sind unberechenbar, saisonal, volatil. Abonnements dagegen erzeugen stetige, planbare Einnahmeströme. Sie verwandeln Kunden in Dauerkunden, die nicht nur einmal zahlen, sondern immer wieder. Und sie schaffen eine Form der Bindung, die weit über das hinausgeht, was klassische Produktverkäufe je leisten konnten.
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist die Automobilbranche. BMW sorgte international für Aufsehen, als bekannt wurde, dass Komfortfunktionen wie Sitzheizungen zwar physisch in den Fahrzeugen verbaut, aber softwareseitig gesperrt werden sollten. Nur wer bereit war, monatlich zu zahlen, sollte die bereits vorhandene Hardware nutzen dürfen. Das Auto gehört dir - aber die Funktion nicht.
Wenn Du mir etwas verkaufen willst, dann tu’s auch!
Die Perversion liegt meiner Meinung nach darin, daß der Aufpreis durch die höheren Entwicklungs- und Materialkosten des zusätzlichen Bauteils begründet werden. Dieses zusätzliche Bauteil ist zwischenzeitlich zum Standard geworden, aber trotzdem werde ich noch, bzw. wieder zur Kasse gebeten?
Noch drastischer zeigt sich diese Entwicklung in der Landwirtschaft. John Deere hat seine modernen Traktoren so stark softwareseitig verriegelt, dass Reparaturen ohne die Zustimmung des Herstellers kaum noch möglich sind. Selbst Diagnosefunktionen sind hinter digitalen Schranken versteckt. Landwirte, die ihre Maschinen seit Generationen selbst reparieren, stehen plötzlich vor Geräten, die ohne Online-Aktivierung nicht einmal starten.
Auch in der Softwarewelt ist der Trend unübersehbar. Adobe hat seine Creative Suite vollständig auf ein Abo-Modell umgestellt. Einmal kaufen? Nicht mehr möglich. Wer kündigt, verliert nicht nur den Zugriff auf die Programme, sondern oft auch auf die eigenen Projektdateien.
Digitale Fesseln: Warum Besitz heute nur noch eine Illusion ist
Der Kern des Problems liegt darin, dass Software zum Gatekeeper geworden ist. Selbst wenn wir ein Gerät physisch besitzen, gehört es uns funktional oft nicht mehr. Ein Auto mit eingebauter, aber gesperrter Sitzheizung ist ein Auto, das uns bewusst unvollständig verkauft wurde. Ein Traktor, der ohne Hersteller-Server nicht startet, ist kein Werkzeug mehr, sondern ein Mietobjekt mit Rädern. Ein Smartphone, das sich nicht reparieren lässt, ist kein persönlicher Gegenstand, sondern ein kontrolliertes Terminal.
Cory Doctorow hat für diesen Prozess einen Begriff geprägt: Enshittification. Er beschreibt damit, wie Plattformen und Produkte schrittweise verschlechtert werden, um mehr Kontrolle und Profit zu generieren. In seinem Talk auf dem 39C3 - „A post-American, enshittification-resistant internet“ - erklärt er, wie Unternehmen durch technische und rechtliche Strukturen Macht über ihre Nutzer gewinnen.
Wie Hersteller das Mietmodell überhaupt durchsetzen können
Software als Kontrollschicht: Die eigentliche Macht liegt nicht in der Hardware
Moderne Geräte bestehen längst nicht mehr nur aus Hardware, sondern aus einem komplexen Zusammenspiel aus Firmware, proprietären Protokollen, kryptografischen Signaturen und serverseitigen Abhängigkeiten. Genau diese Schichten ermöglichen es Herstellern, Funktionen zu sperren, zu vermieten oder nachträglich zu verändern.
Ein Auto, ein Traktor oder ein Smartphone ist heute im Kern ein Computer mit Peripherie. Und dieser Computer führt Code aus, der nicht dir gehört. Das ist der entscheidende Punkt.
Secure Boot und Signaturketten als Machtinstrument
Viele Hersteller nutzen Secure-Boot-Mechanismen, die nur das Laden signierter Firmware erlauben. Ursprünglich als Sicherheitsfeature gedacht, werden sie zunehmend als Kontrollinstrument missbraucht. Wenn nur der Hersteller gültige Firmware signieren kann, dann kann er auch bestimmen, welche Funktionen verfügbar sind - und welche nicht.
Bei John Deere etwa ist die Firmware der Steuergeräte kryptografisch signiert. Jede Änderung, jeder Patch, jede Diagnosefunktion muss durch die Signaturkette des Herstellers autorisiert werden. Das verhindert nicht nur Manipulation, sondern auch legitime Reparaturen.
Feature Flags und Remote Configuration
In der Automobilbranche werden Funktionen zunehmend über Feature Flags gesteuert. Die Hardware ist vollständig verbaut, aber die Software entscheidet anhand eines serverseitigen Tokens, ob die Funktion aktiv ist. Das ist technisch trivial umzusetzen: Das Steuergerät fragt in regelmäßigen Intervallen einen Lizenzserver ab, der ein Token oder Zertifikat zurückliefert. Die Software aktiviert oder deaktiviert Funktionen basierend auf diesen Bits. Damit wird die Frage, ob du eine Sitzheizung nutzen darfst, zu einer Frage der Serverantwort.
Telemetrie als Grundlage für Geschäftsmodelle
Viele Geräte senden kontinuierlich Telemetriedaten an den Hersteller. Diese Daten dienen nicht nur der Fehlerdiagnose, sondern auch der Überwachung der Nutzung. Adobe kann exakt sehen, welche Programme du wie oft nutzt. Tesla weiß, wie oft du den Autopiloten aktivierst. John Deere weiß, wie viele Betriebsstunden dein Traktor hat und welche Sensoren aktiv sind. Diese Telemetrie ist die Grundlage für dynamische Preismodelle, nutzungsbasierte Abrechnung und die Durchsetzung von Lizenzbedingungen.
DRM für physische Produkte
DRM kennen wir aus der Medienwelt. Doch inzwischen wird DRM auf physische Produkte angewendet. Das ist der eigentliche Paradigmenwechsel. John Deere nutzt ein proprietäres Protokoll, das nur autorisierte Diagnosegeräte akzeptiert. BMW koppelt die Nutzung physischer Hardware an digitale Rechte. Adobe sperrt den Zugriff auf Dateien, wenn die Lizenzprüfung fehlschlägt. Das ist DRM in Reinform - nur dass es nicht um Filme oder Musik geht, sondern um Werkzeuge, Fahrzeuge und Arbeitsgeräte.
Serverabhängigkeit als Achillesferse
Viele Geräte funktionieren nur, wenn sie regelmäßig mit den Servern des Herstellers kommunizieren. Das ermöglicht nicht nur Mietmodelle, sondern auch nachträgliche Änderungen. Wenn ein Hersteller einen Server abschaltet, kann ein Gerät unbrauchbar werden. Die Firmware erwartet eine Antwort vom Server. Bleibt sie aus, geht das Gerät in einen eingeschränkten Modus oder verweigert den Dienst.
Rechtliche und technische Verzahnung
Für Techniker wäre es oft ein Leichtes, diese Sperren zu umgehen. Doch genau das ist der Punkt: Es ist illegal. Gesetze wie der DMCA oder die EU-Urheberrechtsrichtlinie kriminalisieren das Umgehen technischer Schutzmaßnahmen - selbst dann, wenn man nur sein eigenes Gerät reparieren möchte. Damit wird nicht nur die Reparatur verhindert, sondern auch die technische Selbstbestimmung.
Right to Repair:
Die Right-to-Repair-Bewegung ist eine der wichtigsten Antworten auf diese Entwicklung. Sie kämpft dafür, dass wir Geräte wieder reparieren dürfen, dass wir Zugang zu Ersatzteilen und Diagnosetools bekommen und dass Hersteller nicht länger künstliche Hürden errichten dürfen. Doctorow selbst ist eine der lautesten Stimmen dieser Bewegung.
Fazit: Wir müssen uns wehren
Der Trend zum Mietmodell ist kein Naturgesetz. Er ist eine Entscheidung - und zwar eine, die wir nicht einfach hinnehmen müssen. Wir brauchen klare gesetzliche Regeln für Eigentum im digitalen Zeitalter. Wir brauchen ein starkes Right to Repair. Wir brauchen Produkte, die uns wirklich gehören. Und wir brauchen Nutzer, die laut werden, wenn Hersteller versuchen, uns in Abhängigkeiten zu drängen.
Wenn wir das nicht tun, wachen wir in einer Welt auf, in der wir nichts mehr besitzen - sondern nur noch mieten dürfen.